hundert jahre zeit ausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 41/06 vom 11.10.2006

Das Problempferd

Das unbefugte Lesen von Büchern beim Moser ist ein Kavaliersdelikt. Höfliches Hinweisen auf die Regelwidrigkeit und bestimmtes Hinauskomplimentieren sind als Maßnahmen völlig ausreichend, so die Ware nicht beschädigt oder bekritzelt wird. Ökonomisch allerdings ist der Fall klar: Der Wert des Buches beruht (auch) auf der Zahl jener, die es nicht gelesen haben. Diese Zahl wird durch jenes unbefugte Lesen, für das keinerlei Gegenleistung erbracht wird, empfindlich verringert. Dass ich mir ein Buch mit einem Titel wie Das Problempferd. Ursachen erkennen, Praktische Hilfen für Pferd und Reiter niemals kaufen würde, mag im Einzelfall von Bedeutung sein, fürs ökonomische Prinzip ist es wurscht. Der Inhalt des Buches ist auf kriminelle Art und Weise dorthin gewandert, wo er niemals sein dürfte: in mein Bewusstsein, und ich verfluche den Tag, an dem die Grenzüberschreitung passiert ist, die ich nur durch einen nachträglichen Kauf des Problempferd, das da illegal in meinem Kopf herumgaloppiert, gutmachen könnte (kommt nicht in Frage). Die endlose Zirkulation von Gabe und Gegengabe ist vom Problempferd durchbrochen, ein Stück gestohlenes Wissen hat sich in meine innere Festplatte gefressen und kann nie mehr gelöscht werden, höchstens durch Selbstmord. Der wäre aber übertrieben und ökonomisch fragwürdig, stehe ich doch in der Blüte der Arbeits-wie auch Zeugungsfähigkeit. Ich werde mit dem Problempferd leben müssen.


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