hundert jahre zeit ausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 42/06 vom 18.10.2006

Geh über die Grenze!

Denen, die sich am Sonntagmorgen noch das Reparaturseidel am Jakominiplatz zuführen, wird die ganze Liederlichkeit ihres Lebenswandels vor die glasigen Augen gehalten, wenn KULTURMARATHON ist. Gesunde Körper laufen durchnummeriert durch die Stadt und performen Sekundärtugenden, die wieder ganz groß gefragt sind: An die Grenzen gehen, jeden leisen Anschein von Entspannung gar nicht erst aufkommen lassen, den inneren Schweinehund besiegen. "Seid heroische Subjekte!" ruft die Inszenierung uns und all denen, deren Bewusstsein sich schon längst in der nachrauschigen Auflösung befindet, beständig zu. Besiegt die Substanzen in eurem Körper, die euch langsamer machen und gebt euch denen hin, die euch beschleunigen! Irgendjemand müsste die Geschichte der Durchzecher und die der Marathonwahnsinnigen als Geschichte von Substanzen, legalen und illegalen, erzählen, und nicht immer als Geschichte von heroischen Subjekten, die dann prämiert werden und irgendwas daherbrabbeln von Selbsterkenntnis beim über die Grenzen gehen! Illegale Substanzen werden bei Volksläufen kaum geahndet, illegale Subjekte aber schon. Die Uniformierten am Streckenrand passen nur darauf auf, dass ja keiner der afrikanischen Athleten sich da absetzt und als Illegaler abtaucht. Da hat dann auch der Volkskörper Grenzen. In den Körpern der Durchzechten am Jakominplatz entstehen derweil Parallelgesellschaften, die sich kaum integrieren wollen.


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