STANDPUNKT

Würde als Bürde

Politik | aus FALTER 42/06 vom 18.10.2006

Diese Frau setzt sich durch: Eva Glawischnig hat sich den Posten gewünscht - und entgegen einigen Bedenken aus den eigenen Reihen bekommen. Die Nummer zwei der Grünen, die einmal Parteichef Alexander Van der Bellen beerben soll, nimmt als Nummer drei im Präsidium des Nationalrats Platz. Gut möglich, dass bei der Entscheidung auch Glawischnigs persönliche Umstände eine Rolle gespielt haben. Die 37-Jährige wünscht sich vielleicht eine Position, die ihr mehr Freiraum lässt, um sich um ihren wenige Monate alten Sohn zu kümmern. Schön für Glawischnig, problematisch für die Grünen. Die Oppositionspolitikerin darf theoretisch zwar auch weiterhin am Rednerpult der Regierung einschenken, doch zur traditionellen Rolle einer Nationalratspräsidentin passt das nicht. Die Vorgänger versuchten durchwegs, überparteiliche Schiedsrichter zu spielen, die sich möglichst staatstragend zu Wort melden. Jetzt bringt der Karrieresprung noch Publicity; wenn Glawischnig aber auf bissige Kritikerin machen will, wird sie sich schnell eine Debatte einhandeln, wie sehr sie das hehre Amt für parteipolitische Zwecke missbrauche. Für die "Kronprinzessin" (Der Standard) einer Oppositionspartei, die vom Angriff lebt, ist eine derartige Würde eher Bürde. Es sei denn, Glawischnig will nicht mehr Chefin werden. Ersatzkandidaten haben die Grünen freilich keinen aufgebaut. G. J.


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