PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Laserreiten mit Steinberger

Stadtleben | aus FALTER 42/06 vom 18.10.2006

... Der Herr fand Gefallen an seinem zerschlagenen Knecht ...

Jes 53,10-11 (1. Lesung am 29. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres B)

Einmal ging ich ein ganzes Monat in den Ulrich-Seidl-Film "Good News" von meinem Gumpendorf zu Fuß täglich in das Stadtkino beim Hochstrahlbrunnen dort cirka. Und noch heute nenne ich diesen Pfad den "Good News Highway". So treu und stur und vorbildlich bin ich. Oder vorige Woche saß eine Frau wo, und ein Mann wollte etwas fotokopiert haben, doch es wurde ihr mit dem Tode gedroht, wenn sie ihren Platz dort verließe, so schwor ich, dass ich, der Tyrann, der mich statt ihrer dort hinsetzte, mich köpfen ließe, wenn ich auch nur einen Millimeter wegwiche. Und also kam es, es wurde Gott und die Welt in Bewegung gesetzt, dass ich dort wegginge, doch ich ging nicht. Und wurde auch nicht geköpft. So werde ich immer stolzer auf mich, was natürlich ein Elend wird werden.

Und so muss ich nun in das Wiener erzbischöfliche Palais demütig zurückkriechen, denn ich habe 1977, als der Geistliche Univ.-Prof. Jakob Steinberger neunzigjährig verstarb, seine Gedichte auf Ehre und Gewissen an mich genommen, mit dem Schwur, dafür zu sorgen, dass sie niemals verschmissen würden, bis zum Ende der Zeiten. Dorthin muss ich auch knien und in Sack und Asche mit Steinbergers Gedichten zum Wiener Kardinal hinkriechen, und ihm den Schwur abnehmen, die Gedichte des verstorbenen Geistlichen zu nehmen, und schwören, die Werke bis zum Vergehen von Zeit und Raum, treusorgend zu pflegen, für den Fall, dass ich stürbe. Viele denken jetzt, wenn die Erde so neurotisch würde wie ich, wär sie erst recht schlecht und verwerflich. Und das leuchtet mir ein. Es leuchtet mir alles ein. Denn wenn dann die Industrie das ewige Leben errichtet und von Planet zu Planet hüpfen wird, wo wir alle auch Laserknötchen gnozen und uns festhalten, damit wir nicht runterkugeln mit Lichtgeschwindigkeit, und der gerade diensthabende Wiener Erzbischof Jakob Steinbergers Lyrik mit seinen Armen umklammert halten wird, während wir in den Tunnels, die der Wiener Atomphilosoph Anton Zeilinger erbaut hat und wo wir im Affenzahn rasen, während wir stillstehen, wird er die Gedichte Steinbergers retten und damit die Welt.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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