VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 43/06 vom 25.10.2006

Wie Wellen gehen die Jubiläen über uns hinweg. Der Ungarnaufstand war uns vor zwanzig Jahren einen ausführlichen Essay durch Christian Reder wert, der die Vorgänge in Ungarn anhand politischer Biografien ihrer Protagonisten rekonstruierte. Klaus Bachmann führte ein Interview mit dem Schriftsteller György Konrád. Dieser interpretierte die Folgen von 1956, das Kádár-Regime, gegen das er einen eigenen Weg der Opposition empfahl, etwas, das er "Antipolitik" nannte: "Unabhängige, gemeinsame Aktivitäten, die nicht im Rahmen der offiziellen, kanonisierten Bereiche stattfinden, sondern dort, wo die Behörden weniger erfassen können, was man tut. Zum Beispiel: Wo trifft man sich, wenn man einen Vortrag an einer freien Universität hält? In einer Wohnung. Wo sind die Redaktionen von Samisdatzeitschriften? In einer Wohnung. Wo verkauft man die Zeitungen? In einer Wohnung. So ist die Kultur der Ungarn ins Private zurückgeschrumpft." Konrád selbst konnte, wie der Falter vermerkte, "seit sieben Jahren in Ungarn nur noch in Samisdatzeitschriften publizieren".

In einem weiteren Beitrag erinnerte Jürgen Langenbach daran, wie die KPÖ in der Ungarnkrise ihr letztes Renommee verspielte: In der Volksstimme wurde "alltäglich aufgedeckt, dass und wie die ungarische Konterrevolution von Faschisten und US-Hetzspezialisten von Österreich aus gesteuert und aufmunitioniert wird. Als die Volksstimme am 4. November gar den Bundeskanzler öffentlich einlud, er möge sich in Nickelsdorf mit eigenen Augen von der Existenz der Geisterarmee in amerikanischen Uniformen überzeugen, handelte sie sich eine Beschlagnahme ein (...), die KP-Mandatare hielten ihre letzten Reden im Parlament ganz unter sich - die anderen Fraktionen verließen den Saal - zum Jahrestag der Oktoberrevolution wurden Parteilokale von antikommunistischen Rollkommandos demoliert, bei den nächsten Wahlen verlor die Partei ihre letzten Parlamentssitze." A.T.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige