Ungarn zweigeteilt

Das Jahr 1956 und die Geschichte Ungarns im 20. Jahrhundert kennen zwei Narrative - ein rechtes und ein linkes. Das rechte betont Ungarns Opferrolle; räumt dem Vertrag von Trianon eine Bedeutung ein, die heute (fast) niemand in Deutschland dem Vertrag von Versailles oder in Österreich dem Vertrag von St. Germain geben würde. Überall sieht man, am Rande der Demonstrationen, Landkarten, in denen die Grenzen Ungarns vor Trianon eingezeichnet sind - einschließlich der Slowakei, der Hälfte Rumäniens, eines Teils Serbiens und des Burgenlandes. Alle Welt hat sich gegen Ungarn verschworen. Alle Welt - da schwingt viel mit: Die einen denken an die EU, andere an Amerika. Und manche meinen: die Juden. Wie in vielen postkommunistischen Staaten ist die Rechte tendenziell amerika-und europafeindlicher als die Linke.

Politik | Anton Pelinka | aus FALTER 43/06 vom 25.10.2006

UNGARN 1956 Fünfzig Jahre nach der Revolution hat es das demokratische Ungarn nicht geschafft, seine Rechte und Linke zu einen.

Die letzten Oktobertage sollten eigentlich Anlass sein, dass sich die Rechte und die Linke des Landes auf Gemeinsamkeiten besinnen. In Ungarn begeht man den fünfzigsten Jahrestag des Aufstandes von 1956. Im Prinzip sind rechts und links vereint in der Interpretation dessen, was vor einem halben Jahrhundert abgelaufen ist: eine Rebellion, nicht geplant und zunächst ohne große Ziele, gerichtet gegen die stalinistische Diktatur im eigenen Land und gegen die sowjetische Bevormundung, die in der Präsenz der Roten Armee ihren deutlichsten Ausdruck fand.

In den Herbsttagen von 1956 kämpften Ungarn höchst unterschiedlicher politischer Herkunft gegen sowjetische Panzer: Nationalisten und Sozialdemokraten, enttäuschte Kommunisten wie Katholiken. Die Regierung Nagy, gebildet von - wie man später gesagt hätte - "Reformkommunisten", stellte sich zögerlich auf die Seite


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