Fragen Sie Frau Andrea

Pockerlfras

Stadtleben | aus FALTER 43/06 vom 25.10.2006

Liebe Frau Andrea,

neulich las ich in der Bobo-Postille "Fleisch", Sie bekämen manchmal die "Pockerlfras". Schon oft habe ich diesen Ausdruck gehört. Alleine: Ich weiß nicht, was Pockerlfras bedeutet, wiewohl es in den Wäldern bei Baden einen föhrenzapfenfressenden Riesen namens Bockerlfraß geben soll. Bitte klären Sie mich auf!

Karin F. Knolle, Eichgraben;

c/o Achtern, Leopoldstadt

Liebe Karin,

die gute alte Pockerlfras bekomme ich, wie sie richtig zitieren, nicht manchmal, sondern regelmäßig, und zwar beim Gedanken an Religion. Ob Christentum, Buddhismus, Amethystanbetung oder Sonderformen des Wahns wie Oper, Skilauf und Kapitalismus: Ich bin unheilbar an Areligiosität erkrankt. Die Pockerlfras hat weniger mit einer Badner Sagengestalt, als mit der Fraisen (Frasen, Fras) zu tun, einer Alt-Wiener Bezeichnung für Zuckungen und Anfälle aller Art. Unter Frasen wurden einst Krankheitsbilder wie Epilepsie und Schüttelfrost zusammengefasst. Mit Pockerl bezeichneten die alten Wiener den Truthahn. Aus der Redensart, "rot z'wern wia'r a g'razts (gereiztes) Pockerl" entstand die mit Gesichtsröte einhergehende Frasen, eben die Pockerlfras. Ob man in diesem Fall von frühen Formen von Vogelgrippe sprechen könnte, müssen Paläopathologen klären. Geklärt ist hingegen, das die Bezeichnung Pockerl (auch Pokerl oder Boggerl) vom ungarischen Wort Pulyka für den schmackhaften, aber leicht errötenden amerikanischen Hühnervogel kommt.


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