PHETTBERGS PREDIGTDIENST

Der bescheidenste Hund mir gegenüber

Stadtleben | aus FALTER 43/06 vom 25.10.2006

... Der Blinde antwortete: Rabbuni, ich möchte wieder sehen können ...

Mk 10,46-52 (Evangelium am 30. Sonntag im Jahreskreis eines Lesejahres B)

Es ist so leichthin gesagt, dass der bescheidenste Hund ein halbes Jahr nun mir gegenüber sitzt, weil ja schon eine halbe Stunde eine Ewigkeit dauern kann, wenn sie unangenehm ist. Und du sitzt und sitzt und Sekunde und Sekunde vertropft nicht, wenn sie dauert und dauert und nicht verrinnt. Doch der Hund, der da sitzt, so völlig absichtslos und ergebenst dem Zustand ergeben, an der offenen Wirtshaustür völlig ergeben, kleiner Hund, wie sie, seit ich denken kann, ausschauen, wie vielleicht zu Grillparzers Zeiten: semmelfarben und völlig unauffällig, ein halber Meter lang, 25 cm hoch, die Schnauze könnte schwarz und weiß gezeichnet sein. Der unmodernste Hund, der jetzt existiert. Und jedenfalls vollkommen geliebt von irgendjemand, der einen Beißkorb aber tragen muss, doch er ist ergeben und erträgt auch das. Ich gehe täglich etliche Male diametral an dem Hund, der nur zur Wache sitzt, und also zufrieden ist, wenn sich nichts ereignet. Den ganzen Tag ereignet sich absolut nichts. Und der unscheinbare Hund vollzieht den unscheinbaren Tag, dass ich noch nie einen Moment Ausnahme gewärtigte. Aber es hat sich sicher irgendwas ereignet an den vielen Tagen, an denen ich dem Hund begegnete und nichts an ihm jemals gewärtigte. Er muss das unscheinbarste Glück vollstrecken, das es gibt. Ich hörte ihn noch nie bellen, noch nie weinen, noch nie irgendeine Gemütsbewegung oder Begegnung bemerken. Er sitzt an der Straßenkreuzung und beäugt absolut die Millionen Momente, den tosenden Verkehr, das Geschehen findet vollkommen seine Zufriedenheit, denn das, was ihn ausmacht, scheint völlig seine Zustimmung zu finden. Das was geschieht, seine Zufriedenheit zu finden, sodass die unzähligen Momente, die absolute Zustimmung je fanden, die ich jemals registrierte, da ich doch jeden Tag zwei-bis dreimal dort hinschaue für Momente, und er saß zu jeder Sekunde an seiner Ecke, die ein Bruchteil seiner Tür darstellen, es war genau links von der Tür, und er sah ununterbrochen den exakten Türwinkel, wo Tausende kreuzende Autos dort fuhren, und es geschah nur seine Zufriedenheit.

In dem Moment hatte ich die Eingebung der Zufriedenheit. Es könnte also Lebewesen geben, die nur darauf warten, dass sich nichts verändert, und also die Zufriedenheit eintritt, auf die sie seit Monaten warten. Wir müssen also auch diesen Aspekt bedenken. Ich sah diesen Hund beseelt und leibhaftig. Wenn er gemalt worden wäre zur Biedermeierzeit, von Waldmüller oder so, würde völlig wach und lebendig erscheinen, nicht apathisch, also kein toter Hund, sondern ein lebendiger. Dienstbeflissendst sitzt er im Herbst unseres Jahres und ist erfüllt. Und es wird ihn ja auch jeden Tag jemand schlafen schicken und essen geben. Nur habe ich die Ruhe nicht mehr, diese Fülle zu erringen, bin also verloren, der aber lebt auf derselben Straßenecke, an der ich diametral lebte, wenn ich nicht tot wäre.

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