hundert jahre zeit ausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 44/06 vom 02.11.2006

Ehrlichkeit und Kultur

Der Eintritt in den Landesdienst ist zum Beispiel schon allein deshalb zu empfehlen, weil man dann in den Genuss einer ausgezeichneten Kantine kommt. Sie liegt idyllisch im Inneren des Burghofes und steht prinzipiell allen offen, die sich den Anschein des beamtenhaften Ernstes geben. Wenn Sie unbeamtenhaft gekleidet sind, antworten Sie auf Nachfrage nach der Abteilung freundlich und bestimmt mit "Kulturabteilung", und niemand wird Ihnen ihr 4 \0x20AC-Menü streitig machen. Die Atmosphäre ist von stillem Einverständnis und freundlichem In-Ruhe-gelassen-Werden geprägt. Ganz anders die Kantinenerlebnisse derer, die sich voll idealistischem Kunststinn für den Beruf des Schauspielers entscheiden. Theaterkantinen sind etwa so charmant wie Technoschuppen im Umland oder Schaumpartys mit Burschenschaften. Versuchen Sie gar nicht erst, hier Kontakte zu knüpfen oder Leute kennen zu lernen! Sie haben nichts anderes zu erwarten als ein durch Hilfsbereitschaft getarntes Bewerbungstraining, so wie der Punk, der den verhängnisvollen Fehler gemacht hat, am Hauptplatz eine Schauspielerin um Geld anzuschnorren, "zum Telefonieren". Statt das Börsel zu zücken, belästigte ihn die Diva mit dem Rat, sich doch eine kreativere Geschichte auszudenken, zum Beispiel eine kranke Schwester oder so. Dann bot Sie ihm noch an, mit ihm an Stimme und Körperhaltung zu arbeiten, und verschwand Richtung Burghof.


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