STANDPUNKT

Durch die Blume

Politik | aus FALTER 44/06 vom 02.11.2006

Die Sozialdemokraten trugen Rosen in Rot, die Konservativen in Weiß. Da wollten die Freiheitlichen ästhetisch nicht nachstehen - und hefteten sich bei der Angelobung des neuen Nationalrats schmucke Kornblumen ans Revers. Eine verdächtige Wahl, denn das blitzblaue Korbblütengewächs hat eine problematische Geschichte hinter sich. Im 19. Jahrhundert entdeckten die deutschnationalen Bewegungen die Kornblume als Symbol. Gerade in Österreich vereinnahmten in der Folge die radikalsten Agitatoren das unschuldige Blümchen als Markenzeichen: Erst Adolf Hitlers geistiger Ziehvater Georg Ritter von Schönerer, dann die illegalen Nationalsozialisten. Wissen die Blauen nichts von dieser historischen Hypothek? Unwahrscheinlich. Die Freiheitlichen setzen wohl ganz bewusst auf heikle Symbolik - und senden so Signale an ihre ewiggestrige Kernschicht. Ein bewährtes Spiel, vergleichbar mit dem Trick von Antisemiten, verklausuliert über Juden zu schimpfen. Die Rede ist dann bloß von der "Ostküste". Für sich genommen eine harmlose geografische Ortsangabe - aber jeder Gleichgesinnte kapiert sofort, wer gemeint ist. Was die FPÖ freilich nicht weiß: Die Centaurea Cyanus, die gerne auf Schutthalden gedeiht, ist in Mitteleuropa eigentlich gar nicht heimisch. Sondern eine Zuwandererin aus dem Süden. G. J.


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