hundert jahre zeitausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 45/06 vom 08.11.2006

Weil wir Menschen sind!

Wenn der erste Schnee fällt, kommt Doris ins Erzählen: von den strengen Wintern ihrer Kindheit, barfuß und ohne Handy auf dem langen Schulweg und zuhause immer nur AHA und ABBA. Im Fernsehen lief die ganze Zeit Wurlitzer, und da die ganze Zeit dieses traurige singende Mädchen im Schnee. "I wird niemals frieren, weil ich immer no an Engerl glaub." An Engerl glaubte Doris damals zwar schon lange nicht mehr, aber an die sinnstiftende Kraft von nachrauschigen Aktionen auf Nutztierfarmen. Im 18. Winter ihres Lebens zogen sie und ein paar Freunde mitten in der Nacht los nach Mariatrost, Richtung Nutriafarm. Das dreckige Vieh war gerade dabei, Winterschlaf zu halten, als Doris die Aufblende des grünen Opel auf sie richtete und laut "GERONIMOS CADILLAC" aus den Boxen dröhnen ließ. Den Rest der Geschichte verschweigt Doris im Hinblick auf ihr makelloses Leumundszeugnis und wirft einen verträumten Blick Richtung untergehende Abendsonne. Der Schnee knirscht unter den Stiefeln der jungen Polizistin, sie streicht sich die Haare aus dem Gesicht, und für einen ganz kurzen Moment verzaubert der Anflug eines Lächelns das Gesicht der sonst so strengen Ordnungshüterin. Sie wird mir heute keine Anzeige anhängen wegen Ohne-Licht-und-Bremse-gegen-die-Einbahn-Fah-ren. Sie wird ein Auge zudrücken, heimgehen und BLONDIE hören. Doris, ich liebe dich.


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