hundert jahre zeit ausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 46/06 vom 15.11.2006

Harter Käse

Würde Bielefeld existieren, wäre es durchaus mit Graz vergleichbar: konstant kleinstädtisches Flair und kultureller Größenwahn, gepaart mit mittelmäßiger Verkehrsanbindung und relativer Vormachtstellung bei der Erprobung neuer Kontrollpraktiken, wie etwa der Implantierung von Chips unter die Haut von Haus-und Hofhunden und dem aufrecht faschistoiden Eintreten ge-gen Armut in der Öffentlichkeit. Es würde vielleicht sogar denken, dass es einen eigenen Flughafen hat. Dort würden dann seit 8.11. die neuen europäischen Regelungen über das Mitführen von Flüssigkeiten und weichen Substanzen im Handgepäck in Kraft sein und die Gepäckskontrollbeamten würden minutenlang darüber diskutieren, wie weich Käse sein darf, ohne als Sicherheitsrisiko zu gelten. Dann würden die Bielefelder darüber lästern, dass nun sogar schon die Härte des Käses von den französischen Weichbirnen diktiert wird, und sich den ihnen verbliebenen Kompetenzen zuwenden, und das wären vor allem die weichen Bereiche des Lebens, zum Beispiel Kultur. Diese weichen Kompetenzen würden ins Unermessliche wachsen. Sie würden anfangen, über Kultur nachzudenken, und uniforme Erscheinungsbilder für Imbissbuden einfordern. Sie wären dann bald so kreativ, dass sie beschließen würden, eine kreative Szene außerhalb ihrer weichen Kompetenzzentren gar nicht mehr zu brauchen, und würden Maßnahmen setzen, die härter wären als jeder korsische Käse. Aber die Imbissbuden wären ja noch da.


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