SPIELPLAN

Kultur | Peter Fuchs | aus FALTER 48/06 vom 29.11.2006

Es ist immer eine Freude, wie die Prinzipalin im Theater Drachengasse vor der Vorstellung die Zuschauer bittet, ihre Handys auszuschalten. Dann Theater: Die Zofen von Jean Genet haben es geschafft. Die Herrin ist tot. So gut wie. Sie liegt schon seit einiger Zeit in einer Tiefkühltruhe. Aber was nun? Dea Loher fällt in ihrem Stück "Der dritte Sektor" (bis 16.12.) manches dazu ein, aber leider nichts Überraschendes. Anna und Martha sind durch das Vakuum an der Hierarchiespitze planlos. Sie überspielen das, indem sie garstig zur ausländischen Putzfrau und zum hündischen Chauffeur sind, Kapitalismuskritik üben und sich gegenseitig fertigmachen. Jede Figur hat einmal im Stück einen "nervous breakdown". Ganz gerecht verteilt und dadurch ganz fad. Ursula Strauß und Gabriele Welker spielen das reife Alter ihrer Dienstbotenfiguren professionell, bleiben aber trotzdem verkleidet. Dea Loher lässt den Zuschauer wieder einmal nicht selbst nachdenken. Den offenen Rest illustriert Regisseur Anselm Lipgens dingfest.

Erwachsene, die Erich Frieds "Es ist, was es ist" zitieren, sind ganz schön regressiv. So auch Aljoscha, der in "Die nächste Unschuld" von Kristo Sagor seine verflossenen Pubertätsliebschaften ins mit bunten Plastikbällen gefüllte Kinderbetreuungsplanschbecken eines schwedischen Möbelhauses bestellt. Es wird viel Klippan-Sofa, Lack-Tisch und Duderö-Standleuchte in den Beziehungskisten herumgeräumt. Comiczeichnerin Cira (stark naiv: Hille Beseler), Businessfrau Bille (tough: Isabella Szendzielorz) und Dennis (cool schwul: Christian Strasser) schenken Aljoscha (Horst Heiß im Bob-Geldof-Kostüm) nichts, obwohl der wieder einmal in einer suizidalen Phase ist. Aber auch sie werden in Dana Csapos manchmal unwuchtiger Inszenierung im Theater an der Gumpendorfer Straße (bis 16.12.) nostalgisch und beweinen den Verlust der Zeit, in der noch alles möglich schien. Man hat es halt nicht leicht, wenn man sich bei H&M noch mit vierzig die gleichen T-Shirts wie die 14-Jährigen kauft.


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