hundert jahre zeit ausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 48/06 vom 29.11.2006

Ethikrat

Darf man sich wünschen, dass die Standeln und die Weihnachtsbeleuchtung alle gemeinsam in einem einzigen Feuerwerk aufgehen und schlussendlich in einer Wolke aus Gewürznelken verglühen? Darf man seine Adorno-Gesamtausgabe wegschmeißen, weil man den Platz für einen DVD-Recorder braucht? Darf man seine Familie darauf aufmerksam machen, dass am 22. der "world orgasm day" stattfindet? Darf man es absolut in Ordnung finden, dass Austropop von einflussreichen Medien totgeschwiegen wird? Darf man Menschen googeln? Darf Lisa Alkohol trinken? Darf man sich am 24. sinnlos betrinken und das traditionelle Weihnachtsliedgut verunglimpfen? Darf man sich über Studenten lustig machen, die für einen guten Zweck in der Herrengasse singen? Darf man eine zynisch-intellektuell angeekelte Position zur Politik einnehmen und eine rechte Mehrheit akzeptieren? Darf man allen Menschen, mit denen man in seinem Leben Sex gehabt hat, zu Weihnachten die gleiche Postkarte schicken? Darf man sich darüber freuen, dass in diesem Jahr der Opa schon nicht mehr dabei sein wird? Darf man Wortspiele mit LEBKUCHEN oder LEBZELT machen? Darf man ein kleines Kind unsympathisch finden? Darf man Honorarnoten fälschen? Darf man Agenten, die die Wahrheit enthüllen, mit Giftgas zum Schweigen bringen? Mit Andreas Khol bin ich geneigt zu sagen: Ich denke doch, dass nein. Aber wir sind ja nicht so.


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