Fragen Sie Frau Andrea

Wiener Pflasterkunde

Stadtleben | aus FALTER 49/06 vom 06.12.2006

Liebe Frau Andrea,

mit dem Fahrrad fahre ich oft den Radweg durch die Innere Stadt. Abgesehen von arroganten Geländeautos, rasenden Taxis, ferngesteuerten japanischen Touristen und Bergen von Pferdemist muss ich da mit Buckelpisten aus Kopfsteinpflaster kämpfen. Wer hat sich denn diesen Horrorbelag ausgedacht? Sicher kein Fahrradfreund.

Liebe Grüße, Katrin, Neubau

Liebe Katrin,

die Idee, Städte zu pflastern, ist lange vor der Erfindung von Fahrrädern aufgekommen. Antikes Pflaster kennen wir aus Pompeji und Herculaneum. Mittelalterliches Wiener Pflaster wurde auf der Freyung ausgegraben und im modernen Gehsteig vor der Café-Central-Passage verlegt. Die katzenkopfgroßen Donaukiesel haben dem Genre auch seinen Namen gegeben. Granitwürfel, deren Ecken auch heute noch von den Metallreifen der Fuhrwerksräder und den Hufeisen der Pferde rundgeschliffen werden, kamen später auf und waren ein hygienisch vorbildlicher Belag. Noch im Barock, wo viele Vorortestraßen ungepflastert waren, blies ständig ein ätzendes Gemisch aus Pferdedung und Straßenstaub durch die Stadt. Der Belag, den wir heute als Wiener Kopfsteinpflaster kennen und der meist unter Asphalt versteckt ist, kam aus den Steinbrüchen nördlich der Donau. Das Format der Wiener Pflasterwürfel ist seit 1826 wesentlich größer als das anderer Städte. Grund dafür war die Französische Revolution. Die Habsburger wollten dem revolutierwütigen Volk keine allzu handlichen Wurfgeschoße bereitlegen.


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