VOR 20 JAHREN IM FALTER

Vorwort | aus FALTER 50/06 vom 13.12.2006

Noch einmal zur Nationalratswahl 1986: Das Ergebnis (vom Falter, da allgemein bekannt, nicht berichtet) lautete: SPÖ 43,1%(80 Mandate), ÖVP 41,3 (77), FPÖ 9,7 (18), Grüne 4,8 (8). Es hätte eine schwarz-blaue Koalition ermöglicht, allein Alois Mock, der die Wende gewollt hatte, schrak - schockiert von der unverhofften Niederlage - davor zurück. Der Falter berichtet zwar nicht das Wahlergebnis, brachte aber umfassende Reportagen aus den Parteizentralen und unter dem Titel "Aus einem Totenhaus" einen in eher klassischem Stile gehaltenen Bericht des Soziologen Reinhold Knoll aus der Wahlzentrale im Redoutensaal der Hofburg.

"Und endlich ist die Stunde so weit vorgerückt, dass auch der Bundeskanzler erscheint. Er wirkt kleiner als auf den Plakaten, erwartet sich beim Betreten des Redoutensaals irgendeinen Applaus oder zumindest ein Aufblitzen der Fotoapparate oder die Zudringlichkeit von Reportern. Aber nichts davon (...). Nach ihm trifft ein schönerer Georg (id est Jörg) ein, und plötzlich ist ein sonderbares Leben im Saal. Vor ihm kamen schon hübsche Damen, die als Stammkunden bester Boutiquen gelten könnten, und ein schöner junger Mann in einer weißen Trachtenjacke, und diese akklamieren jenen und dessen Frau, da er wirklich ein schönerer Georg ist. Und wieder, nach einer kleinen Weile, trifft die Heldin von Hainburg mit ihrem Sohn ein. (...)

Das alles wäre daheim beim Fernsehapparat besser zu hören gewesen. Daher wende ich mich einem zehnjährigen Knaben zu, der als Gast des Innenministers zum Wahlabend eingeladen worden war. Angesichts der ersten Stellungnahmen und des Eintreffens des fehlenden Parteiobmanns, der kaum fähig war, das Podium zu betreten, frage ich den jungen Mann, was er werden wolle. Vermutlich war er so degoutiert, dass er mir antwortete, er wolle unter allen Umständen Politiker werden. Ich riet ihm, er solle doch auch an einen anständigen Beruf denken." A.T.


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