hundert jahre zeitausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 50/06 vom 13.12.2006

Angewandte Kritik

Vorm Karussell am Hauptplatz stehen die ganze Zeit Paare, die daran glauben, wenn sie zu zweit erntsthaft und doch verträumt minutenlang in das bunte Treiben des Karusells starren, wird sich die ganze Beziehung von allein wieder einrenken. Ist natürlich ein Irrtum. KulturpessimistInnen, die um diese Zeit schon mit Alkohol anfangen, finden, dass das

Karussell überhaupt ein Sinnbild für die Verirrungen von modernen Kulturschaffenden ist: Sie sind wie Kinder, die auf Holzpferden sitzen und ganz zufrieden damit zu sein scheinen, dass es nur Holzpferde sind. Irgendwie aufmüpfig werden und davongaloppieren, die ganze Scheiße hinter sich lassen werden die nie. Alles geht seine gewohnten Bahnen bis irgendwann wieder mal einer aufs Karussell kotzt und dann wieder ein Kind schreit. Für den Kulturpessimisten ist das eh das Schönste, weil authentisch, echt, schmerzhaft, nicht in einem sanften Wattebausch aus Konsum eingehüllt. So betreibt der Kulturpunk angewandte Konsumkritik und stellt Theorien über eine Welt auf, in der die Kinder auf echten Pferden sitzen und mit echten Eisbären spielen statt mit denen aus Ice Age. Hier ist nur der Rausch echt, und unter Umständen die Komponenten des biologisch abbaubaren Kokosbadesalz, das außerdem in Österreich produziert wird.

Das aber kann sich eh keiner leisten.


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