hundert jahre zeitausgleich

Steiermark Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 51/06 vom 20.12.2006

Grinsen unterm Mistelzweig

Nicht regulär beschäftigt zu sein hat Vor-und Nachteile. Zum Beispiel kann einen niemand zwingen, beim Arbeiten eine Zipfelmütze aufzusetzen, nur weil angeblich Weihnachten stattfindet. Es findet sich kein traurigeres Bild in diesen Tagen als eine sorgfältig dekorierte Feinkostverkäuferin. Die Zipfelmütze im Allgemeinen soll ja ein Sinnbild für Ausgelassenheit und Spaß sein und wird daher speziell bei Betriebsweihnachtsfeiern verwendet, um schnöde Vorgesetzte und Kollegen zu Schwestern und Brüdern im Geiste punschgetränkter Verbundenheit zu machen. Da kommen auch die irregulären Arbeitskräfte meist nicht drum herum: Die haben meistens statt einer gleich drei bis sieben Betriebsweihnachtsfeiern zu bewältigen und keine davon ist wirklich lustig, wenn man nicht so ganz dazugehört. Es empfiehlt sich daher, eine Zipfelmütze zu kaufen, und am billigsten sind die paradoxerweise bei dieser esoterischen Billigkaufhauskette, die von einer Sekte beherrscht wird und Weihnachten ansonsten völlig ignoriert. Die ätherischen Düfte und die sphärischen Klänge scheinen zu sagen: Jeder ist eine Insel, und hier ist das ganze Jahr Weihnachten. Die betriebseigenen Drogen zaubern ein Lächeln auf die Gesichter der Beschäftigten, dessen Botschaft klar ist: Einmal im Jahr stehe ich auf der richtigen Seite. Ich bin meine eigene Lichterkette. Danke.


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