KUNST KURZ

Kultur | Nicole Scheyerer | aus FALTER 03/07 vom 17.01.2007

Kein Mensch entkommt der Lebensphase, in der ihn nur eins beschäftigt: Wann krieg ich wieder diesen warmen weißen Saft? Im Mumok versetzt nun Peter Dittmer seine Besucher mit der Installation "Die Amme" (bis 12.2.) zurück in dieses Stadium. Der große Unterschied: Für die Milchausschüttung genügt es dort nicht, laut zu plärren, sondern es muss ein Roboter überredet werden. Dieser hält sich in einem laborhaften Glaskäfig auf, in dem auch ein Milchbecken blubbert. Die Gesprächspartner der Amme nehmen an einem von fünf Computern Platz, vor ihnen ein unzugängliches Glas Milch, und können in Chatmanier einen Dialog mit der Maschine starten. Bereits seit 1992 entwickelt der Berliner Künstler seine Konstruktion weiter, deren Kern aus einem aktiven Sprachspeicher und einem angeschlossenen Bewegungsprogramm besteht. Der sprechende Milchautomat steht in der Tradition der Lehr-und Lernmaschinen, die vom Barock bis zur modernen zeitgenössischen Kybernetik reicht.

Die größte Überraschung in Dittmers Sesam-öffne-dich-Spiel sind die Antworten des Roboters. "Auf so was wird nich mal Verständnis vorgeheuchelt", verkündet der etwa, oder "Ich bin nicht Kellner". Die grammatikalisch verkorksten Reaktionen können aber auch poetisch oder von absurder Komik sein. Zusätzlich zur Zwiesprache zwischen Mensch und Maschine erscheint am Bildschirm ein "Echo", das auch auf Beschimpfungen nur lakonische Sinnsprüche parat hat. Mit seinem Textprogramm, das Verstehen und natürliche Sprache vorgaukelt, ist dem Künstler eine vergnügliche Anordnung zum Streiten gelungen. Wenn sich der Apparat dann wirklich in Bewegung setzt, steigt die Spannung. Hat man endlich die richtige Frage gestellt, den Schlüsselbefehl erteilt? Die Amme bleibt aber doch schon beim Milchglas des Nachbarn stehen und - ihr pneumatischer Greifarm leert es aus. Was hat der wohl eingegeben? Na, zumindest kann man sich den Dialog ausgedruckt mit nach Hause nehmen.


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