hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 07/07 vom 14.02.2007

Herz, Kampf, Proteinriegel

Wenn Vorurteile "die Türsteher zu unseren Herzen" sind, wie der Herr Bürgermeister sagt, zielt er dann auf die Stimmen der Türsteher? Kaum. Der völlig vorurteilsfreie Bürgermeister hat quasi im Vorbeigehen eine ganze Branche diffamiert, die für den sozialen Zusammenhalt unverzichtbare Arbeit leistet (man sollte auch hier über eine Studiengebührenbefreiung nachdenken). Das eindringliche Werk "Scheiß Türsteher - wahre Geschichten vom König der Rausschmeißer" sei ihm dringend ans Herz gelegt. Dieses 2006 erschienene Bändchen erzählt in farbigen Abbildungen und Anekdoten vom Alltag einer diskriminierten Spezies. Von Zeiten, als es für jeden Türsteher noch einfach war, jede Nacht ein bis zwei Hasen mitzunehmen, die sich dann vergnügt über den Proteinriegel hermachten, damals als es die Thalia noch gab... Schlussendlich tut der Türsteher in einer Welt, die ihm nicht freundlich gesonnen sein kann, das, was er am besten kann: kämpfen. Er benutzt dieses Können nicht, um erneut kriminelle Energien umzusetzen, vielmehr ist er bemüht, im Rahmen seiner Möglichkeiten Kriminalität bereits im Keim da zu ersticken, wo sie nicht jeder vermutet: vor und hinter den Türen angesagter Diskotheken. Zeiten, in denen es in Graz noch "angesagte Diskotheken" gab, werden auf diesen 274 Seiten wieder lebendig. Wer so schreibt wie dieser Karl Painer, wird jedenfalls sicher nicht so schnell ins Literaturhaus geladen, was auch wieder dafür spricht, dieses Buch zu kaufen.


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