Am Wiener Tisch

Politik | Marta Marková | aus FALTER 11/07 vom 14.03.2007

KIBBUZ Nach dem "Anschluss" am 12. März 1938 mussten österreichische Juden das Land verlassen, wenn sie der Verfolgung und Vernichtung durch die Nazis entgehen wollten. Einige Wiener landeten im Kibbuz Afikim.

Als ich im Kibbuz Afikim eintraf, war gerade Mittagszeit. Die Bewohner aßen in ihrem Speisesaal. Die eine Hälfte des Raumes war für die Mitglieder reserviert, die andere für Besucher und Angestellte. Meine Aufmerksamkeit gehörte aber dem Wiener Tisch mit seinen fünf Frauen und einem Mann in der Mitte. "Wir haben einen Hahn im Korb, den Mordi", sagt Jael. Mordechei, ein 92-jähriger Witwer, lacht nur verlegen, denn was sollte er auch anderes machen? Alle Wienerinnen - außer Kitty Friedmann, die wegen ihrer kranken Beine in ihrer Wohnung aß - trafen sich hier seit Jahrzehnten jeden Tag. Mit der Zeit wurde der Mittagstisch für sie ein Ort der Begegnung und des Gesprächs.

Wenn man alt ist und nicht mehr in der Gemeinschaft arbeitet, isoliert man sich, vertieft sich in eigene


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