Nüchtern betrachtet

Der Traum vom Schlafen

Kultur | aus FALTER 15/07 vom 11.04.2007

Wenn kurz vor Redaktionsschluss großer Stress herrscht, legt mein Chef seinen Platinkolbenhalter behutsam auf die krokolederne Schreibunterlage und schnürt auf seinen Kreppsohlen lautlos durch die Büros. Manchmal legt er mir kandierte Kirschen aufs Keyboard, massiert mir den Nacken oder onduliert mein Haar. Unlängst ließ er sacht ein Blatt Papier auf meinen Schreibtisch niedergleiten. Der Artikel über das rechtsradikale Potenzial unter den jungen Männern Mecklenburg-Vorpommerns war nur teilweise zu lesen, daher dürfte wohl das vollständig kopierte Gedicht von Durs Grünbein die Botschaft dieser unverhofften Sendung gewesen sein. Es trägt den Titel "Exaltation im Schlaf", beginnt mit den Zeilen "Wie tief man sinken kann, kaum ist das Licht / Gelöscht und von den Schultern fällt die Schwere" und endet mit diesen: "Steif auf dem Rücken liegend, überfällt es mich - / ,Ein Tapir war ich, an den Ufern fern des Orinoco.'" Na, das ist ja ganz hübsch. Und praktisch obendrein. Denn


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