Theater

"Wos haaßt des jetzt?"

Kultur | Wolfgang Kralicek | aus FALTER 18/07 vom 02.05.2007

Auf vorehelichen Sex steht die Todesstrafe. Und um das Leben ihres Bruders zu retten, soll eine werdende Nonne ihre Unschuld opfern. Man sieht: Shakespeares "Maß für Maß" ist eine Komödie der etwas härteren Art. Es geht um Tugendterror und Bigotterie, die moralischen Grundgesetze sind außer Kraft gesetzt, sogar der Tod ist nur ein Witz. Angesiedelt ist das Stück in einer Fantasiestadt namens "Vienna". Das tut zwar eigentlich nichts zur Sache, wird von Regisseurin Karin Beier aber wörtlich genommen: Das "Volk" spricht tiefstes Wienerisch, erstmals in der langen Geschichte des Burgtheaters wird etwa das garstige Wort "Brunzbuschn" ausgesprochen. Die vierte Folge des Shakespeare-Zyklus ist die bisher radikalste, mutigste, interessanteste: Beier inszeniert "Maß für Maß" als Unterschichtkomödie. Sie richtet den Fokus auf das Volk, und weil dieses im Stück nur am Rande ein Rolle spielt, sind große Teile des gesprochenen Textes nicht von Shakespeare. Und wenn dann doch ein bisschen Originaltext geredet wird, verstehen die Strizzis nur Bahnhof: "Wos haaßt des jetzt? Der red't so g'schwollen!" So weit, so lustig. Es gibt da nur ein kleines Problem: Immer, wenn tatsächlich "Maß für Maß" gespielt wird, verliert die Aufführung die Fassung, sie wird unlocker und uninspiriert. Letztlich geht die Inszenierung also auf unterhaltsame Weise am Stück vorbei. Man kann das bedauern. Die Wiener auf der Bühne aber würden sagen: "Wuascht!"

Nächste Termine: am 3., 7. und 21.5. sowie am 4.6. im Burgtheater.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige