Fragen Sie Frau Andrea

Regen bringt Segen

Stadtleben | aus FALTER 19/07 vom 09.05.2007

Liebe Frau Andrea,

zwei Sprüche des Volksmundes beschäftigen mich seit Kindertagen. Da ich trotz intensiven Grübelns nicht den Schimmer einer Lösung habe, wende ich mich in meiner Verzweiflung an Sie. Warum wächst man im Mairegen, und warum macht kalter Kaffee schön? Beim Mairegen könnte ich mir noch vorstellen, dass kleine Kinder gerne in selbigem herumlaufen, und die wachsen eben, na ja. Aber Kaffee und Schönheit? Auf Hilfe hoffend,

Ihr Christian Goldstern, Wien

Lieber Christian,

der Volksmund spricht so manches, was das Volksohr nicht mehr versteht. Wachstum durch Mairegen dürfen wir als verhohlene sexuelle Andeutung verstehen, dernach der Frühling gerne lustvoll in die Glieder fährt. Der Mairegen selbst ist für das Wachstum der bäuerlichen Flora von größtem Wert, weshalb der Aberglaube dem Niederschlag zu dieser Zeit allerlei Heilkraft zuschreibt. Besonders wirksam soll der Regen in der Walpurgisnacht und am 1. Mai sein, weshalb die Sozialdemokratie an diesem Tag auch bei strömendem Regen stets ohne Schirme marschiert. Kalter Kaffee wiederum hält aus zweierlei Gründen schön: So soll der dampflose Trank der üppig geschminkten Aristokratie des Barocks ihre auf Wachsbasis hergestellten Teints bewahrt haben. Zweitens ahne ich hier eine Durchhalteparole während der Sparzeiten des 19. Jahrhunderts, die das Trinken rationierten Koffein-Bohnen-Safts auch in untemperiertem Zustand empfahl. Ganz als würde man sagen: "Kaltes Duschen macht schön." Was ja auch nicht ganz falsch sein soll.


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