hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 20/07 vom 16.05.2007

Menschen in hohen Räumen

Eine Studie von Konsumforschern aus Minnesota kommt zum Schluss, dass das Kaufverhalten von Menschen je nach Höhe der Zimmerdecke variiert: Je niedriger die Räume, desto eher konzentriert sich der Käufer auf Details. So erklärt sich, warum die Handelstreibenden die Innenstadt an diesem Wochenende schon wieder zum Verkaufsstand gemacht haben, diesmal unter dem Titel "Grazsüchtig Fest". Schon in extrem hohen Räumen steigt die Bereitschaft, abstrakten Sehnsüchten nachzugeben, unter freiem Himmel lässt sich der Bürger jeden Ramsch andrehen. Man sollte die fahrenden Händler aus der Stadt jagen und stattdessen Automaten aufstellen, wo man Kindermode, Volksmusik und Auto-Gewinnaktionen rausdrücken kann, wenn man unbedingt will. Die meisten Gewinnspiele werden aber sowieso nicht unter freiem Himmel, sondern in Büros ausgefüllt, und zwar von Arbeitnehmern, die unter dem weit verbreiteten Bore-out leiden. Es ist als Krankheitsbild dem Burn-out dicht auf den Fersen, was Popularität angeht, und wird durch chronische Unterforderung generiert, gepaart mit nach außen extrem gestresst wirkendem Verhalten. Rund ein Drittel der US-amerikanischen unselbstständig Beschäftigten leiden darunter, bei uns dürfte es ähnlich sein. Ständig unterfordert sind etwa Kaufhausdetektive in Innenstadtbezirken, weswegen man sie auch sofort an ihrem gewollt gewöhnlich wirkenden Einkaufswagen und ihrem leeren Blick erkennt (vgl. GVB-Kontrolleure).


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