Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 20/07 vom 16.05.2007

Zum 50. Todestag des italienischen, in den Kerkern Mussolinis umgekommenen Philosophen Antonio Gramsci gab es vor 20 Jahren entschieden mehr zu lesen als heute. In Wien fand am Rennerinstitut ein Symposium zum Thema "Gramsci - Pasolini. Volkskultur und Kulturpolitik" statt, und allgemein diskutierte man die Thesen zur kulturellen Hegemonie, meist ohne seine Werke gelesen zu haben. Im Falter würdigte die Philosophin Sonja Puntscher-Riekmann Gramsci. Sie resümiert: "Gramscis Arbeiten zur Kulturpolitik stellen den ersten radikalen Versuch in der marxistischen Diskussion des 20. Jahrhunderts dar, neben den ökonomischen Bedingungen einer Gesellschaft dem Kulturellen eine gleichberechtigte Stellung einzuräumen. (…)

Die Versuche Franz Mareks, Gramsci den österreichischen Kommunisten zu vermitteln, mussten glücklos verlaufen. In den späten Siebzigerjahren entdeckten ihn - mit gebotener Verspätung - die Jungsozialisten im Rahmen ihrer austromarxistischen Besinnungsstunde. Aber die Rezeption bleibt stichwortartig. Gramscis Vorschläge bieten keine pragmatischen Lösungen für die Krise des Wirtschaftswachstums oder die Probleme der neuen ökologischen Bewegungen. Darüber hinaus ist die Lektüre der oft kryptischen Prosa schwierig, es mangelt an einer tauglichen Übersetzung, eine kritische Gesamtausgabe in deutscher Sprache blieb bis auf den heutigen Tag Chimäre.

Zwar gibt es immer wieder versuche, Gramsci hoffungsfroh im Lichte der aktuellen Probleme neu zu lesen, aber das Auf und Ab der vergangenen Rezeptionsgeschichte mahnt zur Skepsis: so auch Alessandro Nattas wohlmeinender Aufruf anlässlich der Todestagsfeier in Cagliari, Gramsci und das Konzept einer linken Kulturhegemonie aufs Neue zu lancieren. Wendig war man auch in der Formulierung des Titels, unter dem in Italien der 50. Todestag gehandelt wird:, Gramsci - ein moralischer Philosoph'." A.T.


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