Musiktheater

Einfach macht's der Meister

Kultur | Andreas Dallinger | aus FALTER 20/07 vom 16.05.2007

Straffällig gewordene Menschen stranden in den Betonschluchten eines Gefangenenlagers. Ohne Möglichkeit, sich auf einen anderen Ort, eine andere Zeit zu beziehen, ohne Möglichkeit, die Schuld ihrer Tat zu transformieren, stürzen sie ins unbarmherzigste Gefängnis des Menschen - die eigene Vergangenheit. Wer sich in ihrer Dunkelhaft verfängt, bleibt einsam und wird sich an jeden Hoffnungsschimmer klammern, sei er noch so unecht wie ein Opernschluss. Janáceks letzte Oper "Aus einem Totenhaus" wiedervereint in ihrer Festwocheninszenierung das legendäre Trio Patrice Chéreau (Regie), Richard Peduzzi (Bühne) und Pierre Boulez (musikalische Leitung). Sie erweisen sich dabei als Meister einer vom Humanismus getragenen Einfachheit. Chéreau hat bestechend sorgfältig und detailliert an der Verdichtung und Verknüpfung des Szenenmosaiks gearbeitet. Alle Darsteller des intensiven Ensembles sind jeden Augenblick im Bewusstsein ihrer durchkomponierten Rolle. So spannen sie einen nie abreißenden dramatischen Bogen. Musikalisch gelingt Boulez mit dem Mahler Chamber Orchestra ebensolches. Wieder überwältigt sein Vertrauen in die Qualität der Musik. Das macht ihn frei von Überakzentuierung und selbstbezogener Interpretation, lässt Janáceks Musik in allen Farben und Schattierungen frei entfalten. Dass dieses sperrige Werk dabei so zart und liebevoll klingen kann, ist ein stilles Ereignis und offenbart viel über den Menschen Boulez.

Noch am 16. und 18.5., Theater an der Wien.


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