hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 21/07 vom 23.05.2007

Haut und Haar

Es ist wieder die Zeit der monatelangen Straßenumbauarbeiten und des nackten Fleisches, wohin man nur schaut im ganzen Stadtgebiet. Zwei Trends scheinen sich in diesem Jahr bereits abzuzeichnen: Die metrosexuelle Haarlosigkeit auf Brust und Bauch ist nicht mehr das Maß aller Dinge, auch ein Tierfellnaevus muss mittlerweile nicht mehr versteckt werden. Es handelt sich hierbei um eine Pigmentstörung, die z.B. auf der Brust ein riesengroßes Muttermal mit dichtem Pelzbewuchs generiert. Der Naevus ist im Allgemeinen ungefährlich und erfreut sich bei Männern, die viel im Freien arbeiten, großer Beliebtheit. Die zweite Auffälligkeit: hinten tief sitzende Hosen, die Einblicke in Richtung Arschfalte gewähren. Man nennt diesen Anblick auch Maurerbusen. Irgendwer regt sich dann immer auf, weil er so was stillos, primitiv oder vulgär findet. Man sollte aber nie vergessen, dass im alten Athen Nacktheit in der Stadt als Ausweis höchster Zivilisiertheit galt. Während die Barbaren noch darauf bestanden hatten, ihre Genitalien in der Öffentlichkeit zu bedecken, hatte der zivilisierte Bürger seinen Körper in einen Gegenstand der Bewunderung verwandelt. Dadurch wurde gleichzeitig die Würde des einzelnen Staatsbürgers bestätigt und der Zusammenhalt untereinander gefestigt. Man sollte sich hin und wieder daran erinnern, bevor man sich über ausladende Maurerbusen an der Wursttheke echauffiert.


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