Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 22/07 vom 30.05.2007

Es war die erste Schau, die Peter Noever als Direktor des Museums für Angewandte Kunst veranstaltete (damals hieß es noch nicht MAK), sie war Alfons Schilling gewidmet, jenem Schweizer Künstler, der den Wiener Aktionismus als Gründungsaktivist mitbewegte, sich dann von der Kunst entfernte, 1962 nach New York übersiedelte und dort 1968 den Neubeginn als Künstler wagte, ganz anders, als Konstrukteur von Sehmaschinen. Klaus Albrecht Schröder sprach mit Schilling und schrieb für den Falter den Text zur Ausstellung.

"Die durch Schillings Sehmaschinen gewonnene Erlebnisdichte ergreift den Körper in seiner Gesamtheit. Die Größe der Apparaturen und ihre schwere Handhabbarkeit erfüllen eine Doppelfunktion: Zum einen schaffen sie einen eigenen Raum für den Träger der Sehmaschine (…) Zum anderen wird durch die Schwere des Objekts Sehen zum psycho-physischen Vorgang. (…)

Dienen Schillings Sehmaschinen einer Beschleunigung des Sehens? Stellen sie die zeitgemäße vergegenständlichte Einübung in den adäquaten Gebrauch des optischen Sinns dar, zu Akkomodierung an eine maßlos beschleunigte Zeit, in der die Ereignisse so schnell aufeinander zu folgen schienen, dass nur blinde Dumpfheit vor ihr zu schützen scheint?

Oder ist durch den Gebrauch von Schillings Apparaturen eine Verlangsamung des Blicks zu erwarten, eine Rettung des Auges: eine Hilfe, um wieder zu Bewusstsein, mithin zu Verstand zu kommen?, Mir ist klar, dass das bloße Auge tatsächlich an ein Ende gelangt ist. Es ist immun geworden, es ist nicht mehr erkenntnisfähig. Wie viel man heute von, sehen' kann, das ist wirklich zweifelhaft'. (Alfons Schilling)

Für diesmal beiseitegelassen die Frage nach der utopischen oder regressiven Perspektive der Sehmaschinen: Sie sind Protokolle der aktuellen Gefährdung des Auges, die sich zwischen kontrollierender Herrschaft und haltlosem Überwältigtsein hin- und herbewegt, wo es nicht überhaupt starr vor Schrecken ist." A. T.


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