hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 23/07 vom 06.06.2007

Der Fluch des Dichters

Seit Heiner wieder paranoid ist, geht er nur noch nachts raus und hält uns tagsüber vom Arbeiten ab, aber wie sagt der Herr Nachbar von der Landesregierung: Die Stadt ist zu klein, um nicht immer und mit jedem gesprächsbereit zu sein. Früher war Heiner ein Hoffnungsträger der Grazer Kunstszene. Legendär seine Fäkal- und sprachanalytischen Aktionen. Nach dem allzu schnellen Absturz hatte er sich zurückgezogen, um seine Dissertation fertig zu stellen. Als er dann von seinem freundlichen Sachbearbeiter ein Praktikum als Werbetexter für die freiheitliche Partei angeboten bekam, hatte er weder Ahnung, was die Freiheitliche Partei war, noch, dass das sein Leben für immer verändern würde. Dass er im Überschwang selbstständig seine Medikamente absetzte, führte dazu, dass er erneut Stimmen hörte. Sie trugen ihm auf, an seine frühen Performances anzuknüpfen und seine ausgestellten Werke im öffentlichen Raum kritisch zu hinterfragen, an Bäumen aufzuhängen, in die Mur zu schmeißen, mit Spraydosen zu kommentieren. Seit kurzem sitzt Heiner jedenfalls auf einer Bombe: Schläger- und Scoutingtrupps mehrerer Gruppierungen aus Sachsen, Niederösterreich und der deutschen Schweiz haben Wind davon bekommen, dass er den ultimativen Reim auf ...als Gutmenschen! gefunden hat und labern ihm die Mailbox mit unmoralischen Angeboten voll. Bei mir ist Heiners Erfindung sicher, aber was, wenn er irgendwann doch schwach wird und sie in falsche Hände gerät?


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