Interview

"Die Geschlechterrollen krachen"

Kultur | aus FALTER 23/07 vom 06.06.2007

Seit der Gründung 1994 hat sich das Queer Film Festival Identities zum zweitgrößten internationalen Wiener Filmfestival (nach der Viennale) entwickelt. Für heuer hat Festivalleiterin Barbara Reumüller neben Schwerpunkten, Wiederentdeckungen und Debüts noch Dutzende Österreich-Premieren (von Auraeus Solito bis André Téchiné) an Land gezogen.

Falter: Wie würden Sie Identität von Identities zwischen den anderne heimischen Festivals definieren?

Barbara Reumüller: Es ist die breit angenommene Ergänzung eines an sich sehr vielfältigen Kinoangebots, das aus Gender- und Queerperspektive offensichtlichen Nachholbedarf hat. Einzigartig ist, wie mir außenstehende Festivalroutiniers sagen, die lebhafte und entspannte Atmosphäre: Neugierige Cineastinnen und Branchenkollegen kommen ohne das Kastldenken: "Da gehen nur die Homos hin."

Nach welchen Kriterien wählen Sie aus? Und haben Sie die Filme vorher echt alle gesehen?

Der Ansatz ist dem der Viennale nicht unähnlich: Es gibt internationale Festivalhighlights, ergänzt um Themen, Genres, und Perspektiven, die im regulären Kinoalltag wenig oder gar nicht vorkommen. Es geht darum, der männlichen Dominanz im Filmbusiness auch im Queer Cinema entgegenzuarbeiten, ausgewogen und trotzdem bewusst "parteiisch" zu programmieren. Und ja, natürlich hab ich alle Filme vorher gesehen. Plus ein paar hundert weitere, die vielleicht in anderen Identities-Kontexten noch zu sehen sein werden.

Sollen Identities über das Festival hinaus wirken?

Wie früher der Feminismus stellt die Queer Theory das körperlich und naturalistisch Gegebene zur Gänze infrage. Geschlechterrollen krachen doch rundum: Die Männer sind in der Krise, Frauen selbst durch Dreifachbelastung nicht unterzukriegen, Lesben und Schwule nicht mehr stereotyp marginalisierbar. Das Festivalziel ist die alltägliche, friedliche Koexistenz von Queer Issues und ihren verschiedenen Lebens- und Identitätsentwürfen in "der Gesellschaft".

Interview: Michael Omasta


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