Die Ausstellung

Unter der Oberfläche

Stadtleben | aus FALTER 24/07 vom 13.06.2007

Bevor sie hinunterstiegen, schmissen sie sich in ihre Bettlermonturen. Um nicht aufzufallen, behaupteten sie. Dass die Obdachlosen, die um 1900 im Wiener Kanalsystem hausten, Emil Kläger und Hermann Drawe für ihresgleichen hielten, ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich. Schließlich hatten die beiden stets Kamera und Magnesiumblitz dabei. Dem Journalisten und dem Amateurfotografen ging es bei der Verkleidung wohl mehr darum, für ihr Publikum möglichst realistisch, mutig und verwegen zu wirken. Und das klappte auch ganz gut: Ihre Bildvorträge in der Urania waren jahrelang gut besucht. Das, was Kläger und Drawe für ihr großteils bürgerliches Publikum anhand zahlreicher Fotos zutage förderten, war allerdings nicht neu. Zwei Jahre davor hatte der sozialdemokratische Politiker und Journalist Max Winter für die Arbeiter-Zeitung vom unsichtbaren Elend berichtet. Trotzdem konnten Kläger und Drawe die "Entdeckung" für sich beanspruchen, in dem sie die "spektakulärsten" Bilder lieferten. Die Ausstellung "Ganz unten. Entdeckung des Elends 1850-1930" im Wien Museum zeigt nicht nur die von Kläger und Drawe festgehaltenen unterirdischen Bettlerquartiere, sondern beschäftigt sich auch mit der Medialisierung des Elends in Berlin, London, Paris und New York.

"Ganz unten. Die Entdeckung des Elends", 14. Juni bis 28. Oktober 2007, Wien Museum, 4., Karlsplatz, Di-So 9-18 Uhr.


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