Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 25/07 vom 20.06.2007

Ein Juwel. Philosoph berichtet von Popkonzert. Nämlich, Herbert Hrachovec war bei Prince in der Stadthalle und brachte folgenden Bericht mit. "Es ist Samstag abend und die Dinge stehen schlecht. Am Wochenende hat man in der Großstadt seine Not, wenn Schulen und Betriebe Pause machen und ihre Insassen Freizeitgestaltung als Hausaufgabe vor sich sehen. Der Traum vom rechten Augenblick setzt ein. Soviele Filme zeigen, dass es nur eines Blickes bedarf, um in der Menschenmenge einen Partner zu finden, der genau zu einem passt. Die Realität sieht nicht so aus, in ihr ist die Wahrscheinlichkeit, dass alles klappt, etwa so groß wie die, dass man nach dem Prospekt ein Ferienhaus bestellt und sich darin wohlfühlt.

Darum sind Strategien nötig, um den hohen Anteil an Fehlanzeigen verkraften zu können. Ein zentraler Schutzmechanismus ist in Popkonzerten zu beobachten, wie Prince unlängst eines in der Stadthalle gegeben hat. Sie sind genau darauf berechnet, jene Unsicherheit abzufangen, die aufkommt, wenn der Traum vom gelungenen Wochenende oder Urlaubsspaß wieder einmal zu zerplatzen droht. Beim Aufriss ist das Muster klar: Keinen Zweifel aufkommen lassen, auf vollen Touren Selbstdarstellung, je mehr die Sehnsucht sinkt, desto angestrengter Tempo bolzen. Beschleunigung hilft über das Beziehungsloch.

Prince kommt daher wie ein Formel-1-Geschoß, in fünf Sekunden auf 200 km/h, aufspringen, festhalten, zwei Stunden später ist zwar nichts entstanden, aber die Spannung ist abgebaut, der Traum verschoben. So wie die Achterbahn Geschwindigkeit benötigt, um ihre Loopings gegen den Absturz zu behaupten. Das Licht erlischt. Ein Aufschrei geht durch den Saal, Zeichen von antizipierter Lust. Und anschließend ist alles daraufhin organisiert, ihr Ausbleiben zu übertönen. Das Konzert hat keine Rastplätze oder Geschwindigkeitsbeschränkungen." A. T.


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