Phettbergs Predigtdienst

Wellness für Loser

Stadtleben | aus FALTER 25/07 vom 20.06.2007

Kro-ing" nannte meine Mama die ausgetrockneten Tränen. Ich solle mir doch die Kro-ing aus den Augen wischen, ich würde ja gar nix mehr sehen. Die Mama hatte auch noch für mein Geschlechtsteil einen Fachausdruck, den ich nie wieder je von irgendwem sonst zu hören kriegte. Und da ich viel zu eingeschüchtert war, irgendetwas über den geschlechtlichen Bereich mit meinen Eltern zu reden, so also weiß ich bis heute nicht, ob ich das "Bo-li" mit hartem oder weichem "P" zu schreiben habe. Aber da ich nun auch bald versinken werde, halte ich das hier einmal fest. Denn die Welt geht in die ganz andere Richtung, nur "Soho in Ottakring" und das "Wellness für Loser" war hirnrissig genug, mein Interesse zu wecken. Zufällig war auch die wunderbare Mara Matuschka da. Sie hat zwei Kinder geboren und wusste zu berichten, dass wir keinesfalls hyperventilieren dürfen bei der "Austreibung" eines Babys, wie sie es formulierte. Da musst du pressen. Wir Mannsbilder kennen das Pressen nur vom Scheißen, aber Frauen haben also wirklich eine Ahnung davon. Die wundervolle Persönlichkeit und der Jesuit Johannes Reitsamer soll hier ebenfalls festgehalten werden. Bei Reitsamer hatte ich 1979 die ignatianischen Exerzitien. Er saß in Hochsass dazu auf einer Wiese beispielsweise, um alle Grashalme zu zählen. Er war also einer der Pionierys der Zeitverzögerung. Bei der 12-Personen-Gruppe, die mit mir diese dreißig Tage hatte, begehrte er von uns allen beim Frühstück täglich die Haut von der Milch. Diese sammelte er täglich in einem Häferl und schluckte es in einem Zug hinunter. Es schauderte uns alle, aber was für ein kluger und erfüllter Mensch! Obwohl ich damals, 1979, vorhatte, gerade ins Stift Klosterneuburg zu übersiedeln, erzählte ich ihm freimütig als erstem Kirchenmenschen von meinem Schwulsein! Er hat mir auch Geld geschenkt, damit ich besser in dem angestrebten Armutsgelübde in Klosterneuburg durchkomme. Geld war noch nie meine Stärke. Es war aber nix Schwules zwischen uns! Aber in mir war apriori so viel nicht bei mir sein, dass ich über das Postulantsein nicht hinauswuchs und 1981 wieder aussiedelte. Pater Reitsamer ist leider schon verstorben. Ich trauere um ihn!

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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