hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 26/07 vom 27.06.2007

Chance zur Integration verpasst

Ich schau dir in die Augen, ich muss dir noch was saugen

Graz ist ein Musterbeispiel gelebter Toleranz und der Vielfalt. Grenzen werden überwunden, menschlicher Kontakt baut Brücken. Wenn es sein muss, sogar zwischen unterschiedlichen Lagern, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, und das findet dann manchmal am Jakominiplatz statt. Die Banden, die da ihr Unwesen treiben, rotten sich am Nachmittag zusammen und reden über Sex und Alkohol, während die gleichaltrigen Gymnasiasten ein paar Meter weiter Richtung Stadtpark Hermann Hesse lesen und sich selbst therapieren. Die Hormone sprießen aber in alle Richtungen und so haben sich K. (Jakominiplatz) und P. (Stadtpark) doch irgendwie gefunden. Hat ihre Liebe eine Chance? Wahrscheinlich nicht, denn P. kann, wie die meisten AHS-Mittelschüler, nicht saugen (sic!), wie K. schockiert am ersten gemeinsamen Abend feststellen musste. Sie will jetzt eigentlich gern Schluss machen, hat aber überhaupt keine Lust, ihn anzurufen. Also wird sie es auf ihrer Nickpage veröffentlichen (unter "was ich hasse"). P. wird dann ganze Tagebuchseiten mit schmerzhafter Liebeslyrik füllen, und da er ja nicht arbeiten muss, wird er den Sommer über Gitarre lernen und eine Hamburger Schule-Revival Band gründen und Lieder mit deutschen Texten singen. Dabei hätte doch alles so schön sein können.


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