Das neue Album

"Immer weiter durchbrechen"

Kultur | Gerhard Stöger | aus FALTER 27/07 vom 04.07.2007

Vierzehn Jahre liegt die Gründung von Tocotronic zurück, mehr als zwölf sind seit dem Erscheinen ihres Debütalbums "Digital ist besser" vergangen. Gemessen am Karriereverlauf durchschnittlicher (Indie-) Rockbands müssten die Hamburger längst alt, satt und träge geworden sein. Aber Durchschnittlichkeit und Tocotronic, das wollte noch nie zusammengehen. Und so hat das Quartett um Dirk von Lowtzow mit seinem achten Album "Kapitulation" jetzt auch ein hell strahlendes Meisterwerk eingespielt. Über weite Strecken live im Studio aufgenommen, legt die Band ihre Skepsis gegenüber Stromgitarren wieder ab und spielt sich bereits im knapp sechsminütigen Eröffnungsstück "Mein Ruin" in einen soghaften Rausch, wie man ihn von Tocotronic bisher kaum kannte. In ihrer neuen Körperlichkeit und Intensität kommt die Band weiterhin ohne schweißtriefende Breitbeinigkeit aus, die Musik wirkt aber forcierter, selbstsicherer und auch gelassener als zuletzt. Nicht zuletzt entsteht eine besondere Spannung aus dem Zusammenspiel der poetischen Texte mit der facettenreichen Musik.

Mit "Sag alles ab" findet ein kurzer Punkkracher auf "Kapitulation" ebenso Platz wie die Neil-Young-artige Ballade "Wehrlos"; große Pophymnen ("Kapitulation", "Imitation") stehen neben dicht gewobenen Rocksongs zwischen Midtempo ("Wir sind viele", "Luft") und stetem Zug nach vorne ("Verschwör dich gegen dich", "Dein geheimer Name"). Das überwältigende Schlussstück "Explosion" beendet die Platte mit einer speziellen Grußbotschaft an Leni Riefenstahl: "Alles explodiert, kein Wille triumphiert". "Man muss immer weiter durchbrechen", sang Dirk von Lowtzow einst als Gaststimme des Hamburger Elektronikduos Egoexpress. Ein Anspruch, den Tocotronic mit ihrem neuen Album eindrucksvoll verwirklicht haben.

Tocotronic: Kapitulation (Vertigo/Universal), erscheint am 6.7.


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