hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 28/07 vom 11.07.2007

Flugzeuge im Bauch

Noch höher als die Gerechtigkeit soll der Staat die Freundschaft schätzen, meint Aristoteles. Dabei gibt es freilich kulturelle Unterschiede: Ein Deutscher definiert nur wenige seiner Mitmenschen als Freunde, höchstens einen oder zwei. Ein Nordamerikaner dagegen gewinnt im Laufe seines Lebens immer mehr Freunde. Ferner kann man kategorisieren zwischen Freundschaft unter Gleichen und Freundschaft unter Ungleichen. Zweiteres wäre die Freundschaft mit einem höheren Wesen (so ist Maria ihren irdischen Weg in unbefleckter, ungetrübter Freundschaft mit Gott gegangen), einem niedrigeren Wesen (der beste Freund des Menschen) oder einem Flughafen, wie er vom Verein der Freunde vom Flughafen Graz gepflegt wird. Die Beziehung von Flughafen zu Flughafenfreund folgt allerdings weniger dem griechischen Ideal als einem unverbindlichen, lustbetonten: Freundschaft ist die Summe aller Dinge, über die man einander Freude und Lust bereiten kann (M. Foucault), also Geldspenden, Bonuscards, Veranstaltungen auf Aussichtsterrassen. Wer sich von einer Freundschaft mehr erhofft, soll Myspace beitreten und dort alle mit friends requests zupflastern. In der Regel kommen dann zwanzig bis dreißig Prozent Ablehnungen und fünf Prozent hoch erfreute Langmails mit Lebensdetails, die auch der beste Freund nicht wissen sollte. Der Rest schreibt: Hey, danke fürs Anfreunden! oder: Danke fürs Adden, bussi, Stina aus Graz. Und das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.


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