hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 29/07 vom 18.07.2007

Draußen hinterm Fenster

Türen sind zweifellos eine Geißel der Menschheit. Sie sind meistens zu, um Abwehr und Ablehnung zu signalisieren, oder sie stehen - was noch schlimmer ist - weit offen. Einzelne tragen Schilder, auf denen steht: Hier streiten und versöhnen sich Kurt, Ingrid, Lea und Jakob. Sympathiemäßig sind ihnen ihre kleinen Geschwister, die Fenster, zu Recht haushoch überlegen. Stehen sie offen, kann man dahinter sitzen und auf die Straße schauen, sind sie zu, kann man dahinter sitzen und auf die Straße schauen. Notizblock und Kamera griffbereit, bieten sie die ideale Grenze zwischen privat und öffentlich, drinnen und draußen, Zimmer und Straße, daham und Islam etc. Jeder anständige Roman enthält mindestens einen bedeutungsschwangeren Blick durchs Fenster, jeder Parkschaden wird von zig pflichtbewussten Hinterm-Fenster-Sitzern dokumentiert. "Das Auge ist das Fenster des menschlichen Körpers", notierte Leonardo da Vinci, der von dreidimensionaler Körperlichkeit nicht viel hielt. Jedenfalls können Generationen von Kafka- und Hitchcock-Helden und Peep-Show-Besuchern die kraftbringende Kraft des Fenstern belegen, auch wenn es im Endeffekt nur ein Ersatz für eigene aktive Teilnahme am Geschehen sein kann. Aber immerhin ein Ersatz, vergleichbar mit Margarine, die ja auch nur einen blassen Eindruck von Buttergeschmack vermittelt. Sie ist übrigens am 15. Juli 140 Jahre alt geworden.


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