hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 30/07 vom 25.07.2007

Weit weg von zuhaus 2

Es kann natürlich auch vorkommen, dass man sich einfach gar nicht grüßt. Wenn man sich aber dann zufällig drei Tage später im Schwimmbad trifft, ist es schon anders, man bringt jedenfalls ein freundliches Servus über die Lippen. Oder man fährt extra nach Leibnitz, um sich in der Sulm abzukühlen, trifft sich dort zufällig, und schon fällt die Begrüßung richtig herzlich aus, außer wenn man vollkommen nackt ist. Dann richtet man den Blick in die Ferne und redet über Gemeinderatswahlen. Und als Faustregel gilt: Je weiter weg von zuhause, desto mehr hat man sich zu sagen, wenn sich zwei Grazer im Museumsquartier treffen, ist das nämlich mindestens eine gut gelaunte Plauderei wert, in Berlin würden sie überhaupt eine Currywurst zusammen essen, in Madrid einen Abend zusammen verbringen und in New York hemmungslosen ungeschützten Verkehr haben. Die grausame Seite dieses Mechanismus zeigt sich erst, wenn man (eh zufällig) zusammen im Flugzeug oder im Zug nachhause sitzt. Am Anfang noch aufs Intimste verbrüdert im Kampf gegen ungewohnte Kaffeebezeichnungen, verständnisloses Beförderungspersonal, unangemessen attraktives Straßenbild, kann man förmlich zusehen, wie sich Kilometer für Kilometer, mit dem daheim näher rückt, unpersönliche Kälte breitmacht. Wenn es spät ist, teilt man sich dann noch ein Taxi, aber man spürt genau, dass das eigentlich total daneben ist, fast wie eine Umarmung in einem FKK-Bereich in der Südsteiermark.


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