Vor 20 Jahren im Falter

Vorwort | aus FALTER 33/07 vom 15.08.2007

Nachrufe zählen zu den schönsten Textarten. Denn erst, wenn das Objekt tot ist, lässt gemeinhin der Redakteur seinem Enthusiasmus freien Lauf. Von Harry Tomicek kann man das nicht sagen, der schrieb in den 80er- und 90er-Jahre viele, schöne und enthusiastische Filmkritiken für den Falter. Und folgenden Nachruf auf den Tänzer Fred Astaire:

"Es ist hinnehmbar, eben noch, meinen zu müssen, Y liefe, astairisch die Treppe hinab'. Niemand aber glaubt jemandem, wenn er weismachen möchte, jemand, tanze wie Astaire' ohne nicht zufällig Fred Astaire selbst zu sein. Es lässt uns deshalb weitgehend kühl, aus George Balanchines - wie heißt es -, berufenem Mund' zu erfahren, er sei der, interessanteste, erfindungsreichste Tänzer unserer Zeit'. Bravo! Exakt! Aber wie glanzlos! Unser Aug sieht, huldigt hingerissener, behexter, wortzertrümmernder. Uns in Besitz eines feinen Sinns für Sprache wähnend, wähnen wir Astaire im Zustand einer noch unendlich feineren Sprache, sie sich so oft erprobt, korrigiert und nochmals erprobt und also so sicher in Besitz genommen hat, dass sie, jenseits allen Besitzens, im Schwierigsten leicht, einfach - tanzend geworden ist., I just dance, that's all', pflegte er zu sagen und als kluger Kopf den vom Zeitgeist ausgiebig gefertigten Kitsch nonchalant, aber unerbittlich vom Tisch zu fegen. (…)

Das alles war und ist vergangen. Der Rest sind Silberkörner, die das Licht auf die Leinwand projiziert. Niemand ersteht in seinen Werken wieder auf. Gleichwohl sitzt Fred im schwarzen Cutaway mit weißer Nelke im weißen Nebel und im Lichtfächer einer verhüllten Sonne auf einem Holzzaun im Hyde Park. Er ist einsam, er zündet sich melancholisch eine Zigarette an, lächelt wie von fern und beginnt mit Pfirsich-Melba-Stimme den Song, A Foggy Day in London Town' zu singen. Wir sind in einem Film. Auch er wird enden. Bis dahin ist noch ein wenig kostbare Zeit." A. T.


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