Standpunkt

Ein Jahr danach

Politik | aus FALTER 34/07 vom 22.08.2007

Vor einem Jahr, als diese von einer Polizeidecke verhüllte Frau auf den Titelblättern erschien, wusste niemand, wie Natascha Kampusch wirklich aussah. Sie hätte unerkannt in Wien leben und ein wirklich normales, weil privates Leben beginnen können. Der Staat oder Spender hätten ihr die finanzielle Basis dafür legen können. Bissige Anwälte hätten jeden, der ihr zu nahe kommt, mit Millionenklagen verfolgen müssen. In Japan ist genau das in einem vergleichbaren Fall geschehen. Ein Mädchen konnte nach jahrelanger Entführung in völliger Anonymität weiterleben. Die Medien respektierten, dass das Opfer wie ein normaler Mensch anonym leben wollte. Im Fall Kampusch gelang all das nicht - auch dank der "Medienberater". Kampusch, noch sichtlich traumatisiert, wurde von ihren Betreuern sofort ins Scheinwerferlicht gestellt. Angeblich sei all das nötig gewesen, um die Meute davon abzuhalten, Kampusch aufzulauern. Das sagen ihre Anwälte, die gleichzeitig die Anwälte von News sind. Anstatt die Hyänen zu verscheuchen, wurden sie gefüttert. Kampusch ist nun so etwas wie ein Promi geworden. Jetzt glaubt der Boulevard, sich alles erlauben zu können. Er lauert ihr beim Schmusen auf und wirft ihr, wenn sie sich dagegen wehrt, zwischen den Zeilen Unanständiges vor, etwa Spendengelder veruntreut zu haben. Sie ist wieder Opfer geworden. Von Erpressern mit Presseausweisen. F. K.


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