hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 34/07 vom 22.08.2007

Die Einbahnstraße gehört euch!

Um das Image von Einbahnstraßen ist es denkbar schlecht bestellt. In Zeiten von grenzenloser Flexibilität darf es offenbar alles geben, so lange es keine Einbahnstraße ist. Bischof Kapellari und die FPÖ sind sich einig, dass Toleranz keine Einbahnstraße sein darf, das österreichische Architekturforum strebt dasselbe für die zeitgenössische Architekturvermittlung an. Das steirische Wirtschaftswachstum, die Telekommunikation, die Entwicklungshilfe, Solidarität, Integration, das Internet: alles, nur keine Einbahnstraßen! Der Stainzer Konditormeister Franz Lex erklärt: Gut Speisen ist keine Einbahnstraße, sondern Kultur! Dabei sind Nahrungsaufnahme und Verarbeitung doch geradezu der Prototyp der Einbahnstraße, jeder Gegenverkehr würde hier schwere Übelkeit hervorrufen. Überhaupt sind Einbahnstraßen ein kulturelles Erzeugnis erster Güte, das es zu bewahren, vielleicht sogar zu feiern gilt. Am 23. August wird dieses englische Erzeugnis immerhin 390 Jahre alt, von England fand es im 18. Jahrhundert den Weg nach Kontinentaleuropa. Es ist mittlerweile so weit, dass auch eine Einbahnstraße keine Einbahnstraße mehr sein darf, weil man nämlich dagegen radeln darf, was die heimlichen Feinde der Einbahnstraße freuen dürfte. Aber es ist noch nicht zu spät, retten wir die Einbahnstraße vor dem Aussterben in folkloristischen Reservaten, wo sie neben dem ORF-Testbild, Udo Huber und der Dampflok ihr Dasein fristen würde! Einbahnstraßen jetzt!


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