Mit dem Traktor auf Wallfahrt

Stadtleben | Hermes Phettberg | aus FALTER 36/07 vom 05.09.2007

ESSAY Maria Drei-Eichen - Maria Taferl - Mariazell. Das Orgiastische ist das Geheimnis des Wallfahrens. Über meine erste Reise zur Gottesmutter mit einer Ladung Bäuerinnen.

So circa 1960 trat ich mit einer Ladung Bäuerinnen, als einziges Kind und also Nesthäkchen, am Anhänger eines Traktors meine erste Wallfahrt an. Sie findet jedes Jahr, circa 15 km von Unternalb entfernt, zur heiligen Quelle in Pulkau statt. Sie trägt den Namen "Bründlfest", wird immer am 2. Juli begangen und war natürlich damals ein Fest der Ausschweifung. Endlich ordentlich schmausen, was nach der schrecklichen Hungersnot der Kriegszeit für "uns Ausgehungerte" und darbende Bauersleute wie eine Orgie war. Mit mitgebrachtem Proviant, wie gekochten Eiern oder Paradeisern, Schmalz und Topfenaufstrich - wie überhaupt das Orgiastische das Geheimnis des Wallfahrens ist.

Und weil alles Leben von Hierarchie durchdrungen ist, von Unternalb bei Retz aus gesehen, folgte neben dem jährlichen Pulkau dann der Drei-Stufen-Schritt: Maria Drei-Eichen - Maria Taferl - Mariazell! Also immer der nächsthöhere Berg war dann das Ziel. Und vor allem das Völlern war damals die Sehnsucht des beginnenden Fress-Süchtigen, wie sich meine Karriere abzuzeichnen begann. Wenn doch meine Eltern jeden Tag den Satz "Wenn du drahtig und schön bleibst, wirst du viel sexuelle Freude in deinem Leben haben" gesagt hätten. Wenn sie gesagt hätten "Du musst nicht fressen statt beten vor jeder Mahlzeit." Oh, wenn sie es zu sagen vermocht hätten!

Aber das wurde nie zu mir gesagt. Nur das Ministrieren lag in der Vorstellungskraft meiner Eltern. Wieder ein Drei-Stufen-Schritt: Beten, ministrieren und dann essen, davon war meine Kindheit erfüllt. Vielleicht dann Priester werden! Der Satz von Werner Schwab traf exakt auf mein Leben voll zu: "Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen."

Kinder kriegen. Und also hat auch meine Mutter die schwere Last einer zweiten Schwangerschaft im hohen Alter auf sich genommen, obwohl sie so verliebt in ihren ersten Mann, mit dem sie wahrscheinlich hurtig mehrere Kinder sich erträumte, als sie jung und wunderschön war, doch sie hatte zuerst nur ein Kind. Dann fiel ihr erster Mann, 1941, und dann war ihr ganzes Leben vorbei. Denn mit ihrer Liebe erlosch auch ihr Leben und versank in schreckliche Depression, aber Kinderkriegen war ihr eingehämmert worden und so entstand ich Elender daraus.

Im Rahmen jeder Religionsgründung steht ein sexueller Skandal. Alles aus der Religion weist auf frühere Feste hin. Denn Rausch und Fraß sind die einzigen Freuden von uns Menschlein je! Aber im Katholischen bleibt alles geordnet und übersichtlich. Aber die "Menschheit" hat immer schon ein Schlupfloch gefunden! Meistens in der Jugend. Das erste Sexuelle erleben. In den Jugendtagen und Wallfahrten, es steckt auch das Wort "wallen" darinnen.

Aber bei mir verhielt sich das dann so: Wir mussten im Auto sitzen, nach Pulkau und immer auf die schrecklichen Berge in Serpentinen zur Wallfahrt hinauffahren. Mein Verdauungstrakt war das Autofahren natürlich nicht gewöhnt. Denn alles vor mir kannte kein Autofahren, da war das Autofahren noch in den Kinderschuhen. Also hatte ich sofort bei den Serpentinen schrecklichste, Reisekrankheit bezeichnete, Brechreize. Meinem ganzen Körper ging es immer schlecht bis heute beim Autofahren, noch immer! Und jetzt sterbe ich lieber, als lang mit dem Auto gefahren zu werden. Immer hebt es mir alles hoch von unten.

Meine Lieblings-Oma, die den Namen Agnes trug und 1967 starb, war auch dabei. Eigentlich war ich mit ihr gar nicht verwandt, weil sie eigentlich die Oma meines Halbbruders ist. Aber sie war die "Oma" meines Lebens! Sie bleibt meine "Lieblings-Oma"! Merke: Alle Religion ist auch Erinnerung an liebe Tote, die alle hinschieden im Zuge des Lebens. Und uns also allein lassen müssen. Daher die Inbrunst beim Beten. Mariazell betet also zur "Gadenmutter Maria".

Es ist eine einzige große Gnade dieser Redaktion, die mich so lange duldet und gewähren lässt. Keine andere Redaktion ließe mich nun schon fast 17 Jahre fuhrwerken. Obwohl ich sicher der Unbestechlichste bin. Und keine Redaktion der Welt ließe sich meine Eskapaden gefallen. Aber der engelsgleiche Falter lässt mich jede Woche meine Eskapaden ausmalen. Also deshalb ein Beitrag von meiner Seite zur "Gnadenmutter Maria". Ich fand all die Gnade unter diesen großen Geistern, die im Falter sich versammelten. Einmal hatte ich einen religiösen Dialog mit dem ungläubigen "Protestanten" Nüchtern, der die plurale Seite des Falter darstellt, indem er genauso lange sein "Nüchtern Betrachtet"-Traktat schreibt. Und wenn wir nicht gestorben sind, dann schreiben wir noch immer im Duett. Woche für Woche!

Der Nüchtern kann natürlich keine Ahnung haben von der heiligen römischen Kirche. Und zwar übers Beichten. Denn diese Wilden "beichten", indem sie öffentlich ihm Rahmen eines vollen Gotteshauses ein Gebet sprechen, und dann ist das Beichten wieder für ein Jahr erledigt. Während wir Römisch-katholisch-Rechtgläubigen akribisch jede Sünde kniend dem Kiltknecht ins Ohr flüstern dürfen, was auch sadomasomäßig was hergibt!

Und da prahlte Nüchtern damit, wie fortgeschritten doch seine "Religion" sei. Und ich denk', ich siegte damals und auch im Ansehen Nüchterns. Denn ich antworte blitzschnell: "Ja, wenn ihr es selbst dann euch auch glaubt." Denn das ist ja immer die Plage mit dem Glauben-Können! Glauben-Können ist eine Übung wie das einsame Masturbieren. Aber in Einsamkeit sind all diese Übungen sehr viel schwerer!

Nach wie vor bewahre ich also den Rosenkranz meiner Oma auf, den sie mir in Mariazell in meiner Gegenwart kaufte. Und auch den Magentropfen-Schnaps, ebenfalls aus der Apotheke in Mariazell. Also im 115. Jahr ihrer Geburt, von 1891 an gerechnet, und 40 Jahre nach ihrem Tode kommt der Heilige Vater nach Mariazell, ihrem wundervollen "Gnadenort", wo sie so inbrünstig hinpilgerte! Und ich bin nach wie vor nicht "entburschelt", wie Renate Schweiger diesen Ausdruck in mein Leben prägte. Das Jungbürschlein Phettberg oder, wie Nüchtern mich erträumte: "Hermes Magerthal". Magentropfen vom Magerthal ausgelobt also nun. Für alle, die gehörig ihn missbrauchen wollen und dann tapfer "entbürscheln". In seinem nun 54. Jahr!

Phettbergs Predigtdienst erscheint regelmäßig im Wien-"Falter".

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren


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