Phettbergs Predigtdienst

Juwel Natascha Kampusch

Stadtleben | aus FALTER 36/07 vom 05.09.2007

So intensiv arbeite ich die ganze Woche an dem heutigen "Predigtdienst", Duhsubchens, weil ich vom zweiten ORF-Fernsehinterview mit Natascha Kampusch gefesselt war, die acht Jahre lang von einem bestialischen Verbrecher in einem winzig kleinen Kellerloch in einem Vorort Wiens gefangengehalten wurde. Vom neunjährigen Mädchen zu einer nun 19 Jahre alten, wunderbare Sprache habenden Frau hat sie sich entwickelt! Ich sah mir diese Fernsehsendung nicht aus Sensationslust an, sondern weil mich dieses Gespräch zu fesseln begann, bis ich atemlos zuhörte. Eigentlich will sich mein heutiger Jammer beinhalten, dass es nirgendwo mehr im Fernsehen Gespräche gibt. Lebendige, fesselnde Gespräche. Ja, der einzige alte wundervolle Helmut Zilk, den gibt es noch, der hat seinerzeit mit dem "Stadtgespräch" gefesselt, und noch vor dem Wunder von den 15 Jahren, wo der "Club 2" zweimal pro Woche gesendet werden durfte, gab es, weil ein Monat vier Wochen hat, noch immer hätte, aber es bleibt die matte Scheibe vollkommen matt. Das ganze Jahr Ödnis. Aber es gab ganz am Beginn vier wunderbare Gesprächssendungen mit dem nun verstorbenen Günther Nenning, dem Janko Musulin, dem Peter Pawlowsky und dem Gottfried Kraus, dem auch schon Verstorbenen. Und jede Woche war das wenigstens ein Fixpunkt in meiner Vorfreude, aber nix nun unter Wrabetz. Nix und wieder nix! Nirgendwo Gespräche zu tagmunterer Zeit. Ab ins Särgchen! Das ist unsere einzige Vorfreude. Wenn schon das Schlafen so schön ist jeden Tag, wie ersehnst du dann deinen Sarg. Dahin, dahin, hinscheiden ist die einzige Hoffnung eines armen, einsamen Dahinscheidys! Geseire eines alten Elenden. Nun endet auch bald die Ausstrahlung der "Letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus. Es wurde täglich im Ö1-Radio ausgestrahlt. Dann ist wieder alles leer, denn die Worte des wunderbaren Zynikers und Satirikers Karl Kraus, das hat mich den ganzen Sommer jeden Tag um 14.40 Uhr am Leben gehalten! Alles Leben besteht also nur aus kurzen Schnipseln. Und dann ist es vorbei ...

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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