Spielplan

Kultur | Thomas Wolkinger | aus FALTER 37/07 vom 12.09.2007

Was man, wenn man Ernst M. Binders Ruf ins Theater folgt, ohnehin meist vermutet, steht diesmal explizit auch auf der Einladung: "Keine Unterhaltung. Eine Erfahrung." Eine unterhaltsame Dramatisierung des wuchtigen Depressionstaumeltextes "4.48 Psychose" der 1999 freiwillig aus dem Leben geschiedenen britischen Autorin Sarah Kane ist ohnehin undenkbar. Schon eine Dramatisierung an sich steht vor größeren Problemen. Kane hat in ihrem fünften, erst nach ihrem Selbstmord uraufgeführten Stück die Auflösung der Form konsequent zu Ende gebracht, Figuren und Gedankenströme in gleichermaßen zornig-verzweifelte wie poetische Fragmente zersplittert, Texte aus - den eigenen - Krankenakten neben Dialoge mit psychiatrischem Personal und qualvolle Abschiedsassoziationen montiert. Daraus ergibt sich auch die zweite Herausforderung für eine Inszenierung, die aus der biografisch geprägten Erfahrung der Autorin eine fürs Publikum machen will, die sich nicht in Voyeurismus erschöpft.

Binder gelingt das mit seiner dramagraz-Inszenierung im Theater im Keller (bis 29.9.), indem er den Text einmal mehr beim Wort nimmt, von drei Frauen ganz in Schwarz - Anita Gramser, Nadja Brachvogel und Ninja Reichert - und Rudi Widerhofer als dunkel-erdigem Schmerzensmann, als "Olm", präzise, nuancenreich und ohne simple Gefühligkeit ins Auditorium spielen und dort wirken lässt. Der black cube der Kellerbühne, angereichert um Josef Klammers minimalistische Musik- und Geräuschinterventionen, wird da zum tiefschwarzen Gedankenraum, den jeder schon ein kleines Stück betreten hat, der um 4.48 Uhr aufwacht und über das Wort Morgengrauen zu grübeln beginnt. Definitiv keine Unterhaltung. Und zugleich mehr als eine bloß mitgeteilte Erfahrung aus dem Grenzbereich psychischer Existenz: Wenn der Text "Starren Sie mich nicht so an" ins Publikum schreit, lässt sich das auch grundsätzlich als Ausdruck von Binders Theaterverständnis lesen, das er seit nunmehr zwanzig Jahren entwickelt. Eine Klasse für sich.


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