Fragen Sie Frau Andrea

Es Gimpfde

Stadtleben | aus FALTER 38/07 vom 19.09.2007

Liebe Frau Andrea,

in letzter Zeit passiert es mir immer wieder, dass mir "das Gimpfde aufgeht". Blöderweise weiß ich nicht einmal so genau, was es bedeutet, geschweige denn, woher der Ausdruck stammt. Es dürfte etwas mit Sichärgern auf sich haben, und da gibt's nun wohl Anlässe genug. Was aber, wenn ich mit meiner Vermutung total danebenliege? Wunden können aufgehen, aber Impfungen? Bitte helfen Sie einer nicht mit dem Wienerischen Aufgewachsenen!

Herzlich Regina Reitter, Sankt Internet

Liebe Regina,

bei der Entschlüsselung dieser Urwiener Zornesbefindlichkeit müssen wir nicht den Pschyrembel befragen, das schlaue Buch der praktischen Ärzte. Auch wenn die Wiener Sprache derb ist, es fehlt ihr doch nie am poetischen Moment. Zum Bild der aufgehenden Impfnarbe müssen wir uns einen vor Wut kochenden Wiener vorstellen, der seine Körperoberfläche so weit unter Kontrolle hält, dass sich der angestaute Ingrimm an den Narben entlädt. Hier oszillieren Erinnerungsnebel an die blutenden Knieschorfe fußballspielender Beserlparkbuam mit dem Ressentiment gegen alles Moderne, Medizinische. Gleichzeitig ruft der Ausspruch in Erinnerung, dass Impfnarben im Gedächtnis der Wienerseele mit Fortschritt und Gemeindegesundheit zu tun haben und sich nichts Schlimmeres vorstellen lässt als das Aufbrechen einer unzerstörbaren Oberarmpocke. Wenn Ihnen der Ausspruch zu medizinfeindlich erscheint, möchten Sie zum Bild des Kabelhalses greifen. "Soiche Kabel griag i" mit der Handbewegung eines "dicken Halses" beschriebe wienerische Wut ebenfalls sachgerecht. Frohnaturen darf im Zornfall jederzeit "der Feidl im Sack aufgehn".


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