Phettbergs Predigtdienst

Radio Falty

Stadtleben | aus FALTER 38/07 vom 19.09.2007

Da in dieser 38. Woche der Falter 30 Jahre feiert, noch dazu in der original Ottakringer Braufabrik, wo tatsächlich die original "16er-Hülsen" steht, denke ich zurück an meinen allerersten Auftritt vor Publikum, wohin mich die bildende Künstlin Irena Rosc einlud. Aufgeregt redete ich vor Publikum! Sie hatte eine sehr schöne Fotoarbeit über den SM-Bereich gemacht, und diese großen Fotos hingen am Gerstenboden. Ich erinnere mich an das Foto "Fritzls Eigentum", das eine Frau sich am Arsch eintätowieren hat lassen. Denke natürlich auch gleichzeitig an die Vergänglichkeit der Zeit, und wie es nun runzelig dort untenrum wohl zugehen wird. Aber zuerst denke ich natürlich an dieses schöne Gebäude!

Insofern schwiff ich hirnströmisch ab, weil ich ja an das, vom Falter dann nie zur Realität erhobene "Radio K4"-Projekt denke, weil ich jeden Tag nun früh aufstehen muss, weil die "senile Bettflucht" auch bei mir eintrat und ich täglich ab vier Uhr früh Radiohören muss. Meistens höre ich Ö1, das öde Ö-Programm. Von Mozart angefangen hören wir jeden Triangelspieler, der dabei vorkommt, damit wir was zum Denken haben, nebst der Zeitansage. Nur wenn du Glück hast, hörst du, wenn eine der Klassikchefitäten, Otto Brusatti, gut aufgelegt ist, in der dann "Pasticcio" genannten Sendung, ab 8.45 Uhr eine wunderbare Rarität, wie den letzten Satz von Wittgensteins "Tractatus", intoniert von einem Norwegischen Chor: "Worüber du nicht reden kannst, darüber musst du schweigen." Wenn du auf einem anderen Kanal umspringst, hörst du dann die Ideologie dieses Kanals. Also entweder Werbung ohne Ende, und dann wieder nur neurotische Musik. Es gibt keinen spannenden Mix mehr. Nur mehr Sturheit, was "ich" gerne hören will. Oder einen Werbemist ohne Ende. Die Werbeideologie wird uns noch in die Steinzeit zurückkatapultieren, zum reinen Nichtkonsum von Massenmedien aller Art. Klugerweise hat sich der Falter nicht in ein Radioprojekt gestürzt, aber ich träume von einer Musikmischung, wo erst die Red Hot Chili Peppers kommen, dann das einzige Musikstück, das die Malerin Maria Lassnig bisher gemacht hat, dann Tom Wave oder ein Opernsängy, dann vielleicht die von Hias gesungene Erstversion von seinem "Laurenziberg", dann was Klassisches oder dann Ambient Music. Und dann ein Stück von J.S. Bach. Aber trotzdem feinste Sprecheinheiten. Nicht so wie jetzt, dass du von Hoffnung zu Hoffnung zappen musst, und frisch wieder alles, was interessant gewesen wäre, versäumst. Also bleibe ich bei Ö1 und höre den ganzen Tag nur "klassische" Musik. Es ist zum Weinen.

Ich Traummännlein träume von einem Musikmix, der dich überrascht. Bis hinauf zu Büchern. Die werden zu Tode lektoriert. Und nur dann, wenn sie in die Industriemaschine geraten, erreichen sie Verkaufszahlen, und nur davon kann dann ein Autory leben. Also werde ich beide Tage in der 16er-Hülsen den Falter mitfeiern und hoffe, lebendige, speckige Jeansboys allen Alters mit ungepflegten Haaren erleben zu können. Zum Trutze und zur Lebensfreude.

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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