hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 38/07 vom 19.09.2007

Das Leben der anderen

Leben kann man mittlerweile alles Mögliche. Und wenn etwas gelebt wird, ist es im Regelfall besser als vorher: Die Grünen zum Beispiel fordern für Graz endlich mehr gelebte Politik. Und Hr. Schachner (der Judas) lebt den Fußball. Einfach nur das Leben zu leben wäre fad, deshalb sagen die selbstbewussten Einwohner der Gemeinde Puch bei Weiz: Wir leben den Apfel! Das ist sicherlich gut für den Apfel, gut für die Pucher und gut für den (gelebten) Tourismus. Während die Pucher also ihren Apfel leben, können die Grazer ihr Sonntagsleben leben, wenn da nicht die zahlenmäßig riesige Gruppe jener wäre, die nach Graz kommen, um Steiermark zu leben, was kaum weniger beknackt klingt als "Aufsteirern". Für gelebte Integration ist hier wenig Spielraum: Wenn diese, und es ist ein kleiner Prozentsatz, hier ihre Region leben wollen, dann müssen wir ihnen klar ihre Grenzen aufzeigen, denn dass Christbäume am Hauptplatz ein artfremdes Symbol gelebter Wehrlosigkeit sind, ist uns klar (auch artfremd: gelebte Trachtenkultur)! Früher hätte man wenigstens noch gesagt: ausgelebt, was irgendwie nach Heimlichkeit klang. Wer etwas ausleben muss, geht nicht auf den Hauptplatz, sondern versteckt sich im Wald. Wer aber etwas lebt, geht damit gnadenlos hausieren, wirft sich ins Jopperl, singt Steirerlieder. Der Geruch von gelebtem Rettich und Verhackertbroten säumt die Straßen.


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