Phettbergs Predigtdienst

Suizid Wolfgang Mundstein

Stadtleben | aus FALTER 40/07 vom 03.10.2007

Kennen lernte ich Wolfgang Mundstein im Oktober 1990. Er war Jahrgang 1971 und sagenhaft jung, hübsch und gut gebaut! Er war nicht eine Faser weit schwul. Und so freundeten wir uns an, und es wurde eine ziemliche Bekanntschaft daraus. Als er dann nach New York übersiedelte, war ich der Einzige, der ihn zum Flugzeug hin begleitete. Nicht sehr lange, und er rief mich an, er und seine Frau würden sich ein Miethaus kaufen. Er aber habe kein gültiges Leumundszeugnis. Und das brauche er dringend, weil New York würde Immobilien nur an korrekt Beleumundete verkaufen. Und er würde in Wien seit langem von der Polizei steckbrieflich gesucht, weil er, wie auch ich und wie viele damals "Wilde" auch, zum Gesetzesbruch aufriefen. Wenn Computer etwas festhalten, bleibt dies festgehalten. Er müsse daher einen Prozess anstrengen, damit ihn die Republik Österreich verurteile. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt. Und die müsse er blechen. Und dann wäre er unbescholten.

Also weil im Zuge der österreichischen Übereifrigkeit eine Sekretärin vom damaligen Innenminister Strasser sich um einen Tag irrte. Um ihm nur ja einen schnellen Leumund zu beschaffen, schrieb sie unendlich schnell, dass nun nichts mehr gegen ihn vorläge. Aber sie irrte sich um einen Kalendertag. Und kein Gericht der Erde gab ihm Recht. Kohlhaas hat ein Nachfolge-Haftelmachy gefunden. Er hat ziemlich bald nach dem Kauf seines Hauses, das er und seine Frau an andere auch vermieteten und auch selbst darin wohnen, bis zu seinem Suizid am Samstag, 15. September 2007. Da warf er sich vor einen Zug und war sofort tot. Ich weine um ihn. Nachdem er jahrelang vor dem österreichischen Konsulat in New York hungerstreikte, übersiedelte er am Tag der Einschulung seines Sohnes nach Wien, zu mir armselig Elendem in meine Wohnung. Weiter hungerstreikend. Täglich von punkt 10 bis 17 Uhr hielt er seine Amtsstunden. Das Begräbnis Mundsteins war am Mittwoch, dem 26. September. Warum bringt sich so ein Kerl um? Viel durchtriebener als er kann niemand sein. Er war so ein anstrengender, aber so ein sozial empfindender Mensch.

Mit dieser Nachricht im Kopf verbrachte ich die zwei Tage beim Falter-30-Jahres-Fest im "Sechzehnerblech". Ich hörte drei konkrete Konzerte, worin jeweils Falter-Mitarbeiter musizierten. Unglaublich harte Musik. Und gleich auch noch eine Metapher zum Tag. Denn ein unglaublich liebes männliches Paar war dort, und wir kamen ins Gespräch miteinander. Schmachtend stammelte ich, ob sie denn ein schwules Pärchen wären. Denn beide waren so schmuck. Es stellte sich aber heraus, sie seien Tiroler, Vater und Sohn, und wohnten nun "jenseits von Klosterneuburg", und der Sohn trug eine neue Herbstjacke, gekauft im Atterseehaus auf der Mariahilfer Straße. Sie koste nur 25 Euro. Ich rannte wie ein kleines Kind dort in den Fetzensupermarkt, mehrstöckig wie es ist hin, und hörte nicht auf danach zu fragen, bis ich ein Modell dieser Herbstjacke nun auch am Leib trage. Und ich nenne diese Jacke nun die "tirolerische Mundstein-Jacke".

Die ungekürzte Version des "Predigtdienstes" ist über www.falter.at zu abonnieren.


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