hundert jahre zeitausgleich

Stadtleben | Johannes Schrettle | aus FALTER 41/07 vom 10.10.2007

Postkolumnismus

Wir wissen jetzt also, dass der Begriff "Postkommunismus" ein Widerspruch in sich ist (danke an R. Lehofer und Theater im Bahnhof), weil Kommunismus per se immer nur im Futurum gedacht werden kann. Ein guter Gedanke, der vor allem am 9. Oktober - dem Welttag des Weltpostvereins - zu lustigen Wortspielen einlädt. Wir leben bekanntlich in einer postpolitischen Zeit, wo alle Konflikte in Kulturhauptstadtjahre überführt worden sind und das Stadttheater Klagenfurt wieder ohne Hemmungen nach "Tänzerinnen mit Sexappeal" suchen kann, obwohl es ja im Gegensatz zur Kronen Zeitung eine Kulturinstitution ist. Es hat jedenfalls das World Wide Web gebraucht, um den maßgeblichen Strömungen des 20. Jahrhunderts das richtige Verb zur Seite zu stellen: posten. Was die französische Philosophie mit der Moderne gemacht hat, hat die UdSSR mit sich selbst gemacht und der Kapitalismus mit der Politik: einfach gepostet und damit super nachhaltig entsorgt (nicht zufällig auch die Verwandtschaft zu "Kompost" - es gibt auch "kompostpolitik", aber nur in Dänemark). Man kann auch Meinungen posten und lebt dann in einer Postmeinungsgesellschaft. Mit dem Grazer Postchor hat das nichts zu tun, ihm verdanken wir etwa die Hymne der Österreichischen Paketzusteller (Postpackelzustellerblues) oder das Konzert der großen Gefühle.


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